1. Meinung

"Der falsche Preuße" von Uta Seeburger

Literatur : Dekadentes Morden im guten alten München

Wie weit geht man für die Wahrheit? Was ist man für sie bereit zu opfern? Ehre, Freiheit, Vaterland? Im 19. Jahrhundert waren das ernsthafte Fragen, und auch Hauptmann Wilhelm von Gryszinski muss sie sich stellen.

Den gar nicht so strammen Preußen hat es ins gar nicht so gemütliche München verschlagen, wo er sich mit einem Fall konfrontiert sieht, der alles hat: König-Ludwig-Hommage, Verschwörung, ein opernhaft drapiertes Opfer und obskure Verdächtige. Das alles verwebt die Berlinerin Uta Seeburg, die es wie den Helden ihres Romans „Der falsche Preuße“ nach München verschlagen hat, mit Fantasie, Sinn für Ironie und einer lebendigen Schilderung des Alltags.

Historische Krimis haben Konjunktur. Braucht es da noch den von seiner Frau Sophie unerhört liebevoll „Willi“ genannten zugereisten Hauptmann? Seine literarische Mutter Seeburg lässt das alte München detail- und kenntnisreich anklingen, vom Victualienmarkt mit c bis hin zu simplen Details wie dem Zahnsalz, das der Edelmann der Kaiserzeit zu nutzen pflegte, wenn er der neumodischen Zahnpasta misstraute. Manches ist auch 125 Jahre später noch aktuell, die Wohnungsnot etwa, manches hat sich diametral verändert, nämlich die einfachen Viertel, die jetzt zu Münchens teuersten Lagen zählen.

Neben dem 19. Jahrhundert ist die eigentliche Heldin des Buchs die Kriminalistik, die 1894 noch in den Kinderschuhen steckt. Gespickt mit Zitaten des österreichischen Vaters des Disziplin, Hans Groß, bietet „Der falsche Preuße“ dem Leser Informationen über Spurensicherung und Zeugenbefragung in einer Zeit ohne DNA-Abgleich und Fingerabdrücke.

Trotz der illustren Bühne für die Geschichte verliert Seeburg die eigentliche Handlung nicht aus dem Blick. Gryszinski muss den Mord an einem Bierbeschauer aufklären, der der Gattin eines steinreichen Emporkömmlings schöne Augen gemacht hat. Der den jüngst verstorbenen König Ludwig verehrende Gatte wiederum hat sich eine Phantasiewelt in Bogenhausen aufgebaut. Da er wie Gryszinski Preuße in Bayern ist, wird dieser zum Spion zwischen zwei Fronten. Dabei steht er zwischen Berufsehre, Wahrheitsliebe sowie der neuen Heimat auf der einen Seite und dem Vaterland, Rang und Ehre auf der anderen. Keine leichte Entscheidung! Martina Scheffler, dpa

Uta Seeburger, Der falsche Preuße, Verlag Harper Collins, 22 Euro.

(dpa)