Der neue Roman von Steffen Kopetzky führt den Leser in den Hürtgenwald

Rezension : Der Krieg und die Eifel, zum Zweiten

Steffen Kopetzkys neuer Roman „Propaganda“ führt seinen Protagonisten und die Leser in die Kämpfe im Hürtgenwald.

Zwei Romane, ein Schauplatz, und doch völlig unterschiedliche Bücher: Einen Monat nach „Winterbienen“, dem neuen und zu Recht auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gesetzten Roman des Eifeler Schriftstellers Norbert Scheuer (der TV berichtete), erscheint „Propaganda“ von Steffen Kopetzky.

Auch dieses Buch spielt über weite Strecken im Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1944 – und in der Eifel. Denn der Autor wirft seinen Protagonisten und den Leser mitten hinein in das Grauen der Schlacht im Hürtgenwald.

Dieser Protagonist ist Deutsch-Amerikaner und heißt John Glueck. Ein Name, der nicht ganz zu der Situation passen will, in der wir ihn kennenlernen: Denn er sitzt, 1971, im Gefängnis von Hannibal, Missouri, der Stadt von Huckleberry Finn und Tom Sawyer. Er ist 50 Jahre alt und ein Veteran zweier Kriege, die ihn an Leib und Seele versehrten. Sein Vergehen: Er war zu schnell mit dem Auto unterwegs. Ohne Führerschein. Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was ihm die Behörden außerdem vorwerfen: Dass er nämlich an einer Verschwörung gegen sein eigenes Land mitarbeitet.

Stichwort: die Pentagon-Papiere, jenes Dossier, das die Desinformation des Verteidigungsministeriums zum Vietnamkrieg offenlegte und zunächst in der „New York Times“ und dann vor allem von der Washington Post öffentlich gemacht wurde (zuletzt fürs Kino aufbereitet von Steven Spielberg in „The Post“ mit Meryl Streep und Tom Hanks).

Was es damit auf sich hat, davon beginnt er in seiner Zelle zu erzählen. Wie er aufwuchs, geprägt von seiner Liebe zu Literatur und (deutscher) Kultur. Wie er, inzwischen Offizier in der Propaganda-Abteilung der US-Armee, in den Zweiten Weltkrieg gerät, nach Frankreich, dann nach Belgien, Deutschland – und in die Eifel. Wie ihm – ein Nebenstrang, aber ein unterhaltsamer – Jerome D. Salinger, Charles Bukowski und Ernest Hemingway über den Weg laufen, als sei John Glueck so eine Art Forrest Gump der US-Literatur im 20. Jahrhundert, der ja auch überall dabei war, wo Großes geschah.

Hemingway, der, auch das wird geschildert, bevor er wie Salinger in den Hürtgenwald gerät, im Eifeldorf Buchet Stellung bezieht, am Rande des Schneifelrückens. Wobei Kopetzky den Ort – versehentlich? – nach Belgien verlegt.

Die schrecklichen Kämpfe in der Eifel – und eine Erfahrung, die er dabei mit einem deutschen Arzt macht, der nicht zwischen Freund und Feind unterscheidet – verändern John Glueck für den Rest seines Lebens. Doch als er erlebt, wie sein Land, das den Zweiten Weltkrieg aus den richtigen Gründen führte, in Vietnam seine Werte verlor, macht ihn das zum Verräter. Aber aus den richtigen Gründen.

Immer wieder zieht einen der Roman ins Heute, ermöglicht Assoziationen ins Aktuelle: Damals Verräter, heute Whistleblower. Damals Desinformation, heute Fake News. Was damals durchgestochen wurde, wird heute geleakt.

Am Ende steht ein Hoffnungsschimmer. Vielleicht hat dieser John, den das Leben und die Kriege so schwer gezeichnet haben, ja doch noch Glueck. Bis dahin haben wir einen herrlich wild-fantastisch wuchernden, mutigen und spannenden Roman gelesen, dessen Autor keine Angst davor hat, an den ganz großen erzählerischen Rädern zu drehen. Nur die Sache mit Buchet, die wollen wir ihm hier nicht so recht verzeihen. Fritz-Peter Linden

Steffen Kopetzky: Propaganda. Foto: Rowohlt Berlin

Steffen Kopetzky, Propaganda, Rowohlt Berlin, 500 Seiten, 25 Euro.

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