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Literatur
Die Geschichte hinter dem Bild

Modick Cover
Modick Cover FOTO: Jörg Lehn / TV
Der deutsche Autor Klaus Modick (Jahrgang 1951) setzt sich in seinem neuen Roman mit dem geheimnisumwobenen Schriftsteller Eduard von Keyserling (1855 – 1918) auseinander. Das rundum gelungene Werk kreist – wie auch schon Modicks Bestseller „Konzert ohne Dichter“ aus dem Jahr 2015 – in vielen Rück­blenden um ein bekanntes Gemälde. Diesmal um Lovis Corinths Porträt Keyserlings von 1901, das heute in München in der Neuen Pinakothek hängt und für die Leser vor dem Text abgebildet ist.

Darauf sieht Keyserling wie ein schwer kranker Mann aus: Seine Wangen sind eingefallen, sein gelblich-fahles Gesicht ist von Pusteln übersät. Doch Keyserling („Graf, Dandy und Dichter“) nimmt dieses Schicksal an: „Sein zu wollen, was man nicht ist, ist natürlich vulgär.“ Diese Einstellung steht konträr zu Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ (1890/91), in dem der Protagonist ein Porträt besitzt, das statt seiner altert und die Spuren seiner Sünden zeigt. In Modicks Werk sieht Eduard von Keyserling Wildes Roman im Schaufenster einer Buchhandlung.

Schon früh hat sich Keyserling mit Syphilis infiziert, einer damals nicht zu heilenden Krankheit. Seine Sehkraft lässt mehr und mehr nach, sein Körper ist von der Geschlechtskrankheit gezeichnet. Und doch erteilt er seinem Freund Corinth bei einem gemeinsamen Künstlersommer mit den Schriftstellern Max Halbe und Frank Wedekind am Starnberger See im Sommer 1901 die Genehmigung zum Malen des Porträts.

Der wie ein Greis erscheinende 45-jährige Graf Keyserling erinnert sich hier in Bernried an seine lustlose Zeit als Verwalter des mütterlichen Gutes in Kurland, die lustvollen Jahre in Wien, auch sein wildes Studentenleben im estnischen Dorpat (heute: Tartu) und deckt auf diese Weise auf, was Modick zum Titel seines Romans gemacht hat: „Keyserlings Geheimnis“.

Eine Episode, die der Keyserling-Forschung bis heute ein Rätsel ist: der Ausschluss des jungen Grafen aus der studentischen Verbindung Curonia und sein Verweis von der Universität, die ihn zur Persona non grata in den heimischen Adelskreisen und zur Schande für seine Familie werden ließen. Anschließend flieht Eduard nach Wien. Es kann letztlich nicht verwundern, dass eine raffinierte Frau die ganzen Angelegenheit eingefädelt zu haben scheint.

Modick hat sich äußerst empfindsam in Keyserlings Werke, Leben und Gedankenwelt wie auch in Memoiren der Zeitgenossen und die Sekundärliteratur eingearbeitet. Er trifft mit seiner eigenen auch sehr genau die Sprache seines Protagonisten. Literarische Anspielungen auf Theodor Fontane, Thomas Mann, Peter Handke, Günter Grass und andere lassen sich in Modicks Werk oft recht schnell  erkennen. Die Leser werden von ihm in die untergegangene Welt des Fin de Siècle und dessen Boheme mitgenommen.

Zwar erreicht „Keyserlings Geheimnis“ nicht ganz die Anziehungskraft von „Konzert ohne Dichter“, doch insgesamt ist Modicks neuer Roman ein rundum gelungener Lesestoff, der zudem einen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Schriftsteller eindrucksvoll in Erinnerung ruft.

⇥Jörg Lehn

Klaus Modick, Keyserlings Geheimnis. Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, gebunden, 238 Seiten, 20 Euro.