1. Meinung

Kolumne Aufgeschlagen - neue Bücher Bastian Kresser Klopfzeichen

Literatur : Der größte Schwindel des Jahrhunderts

Erst war es eine Sensation, dann ein weltweiter Hype – und am Ende ein veritabler Skandal. Im Zentrum standen drei Schwestern aus Amerika, Leah, Maggie und Kate Fox, die Mitte des 19. Jahrhunderts behaupteten, mit den Toten Kontakt aufnehmen zu können und deren Botschaften an die Lebenden weiterzugeben.

Mit diesem Trio begann der moderne Spiritismus, der – auch als Okkultismus – seine Wurzeln in der Antike hat. Denn der Wunsch der Menschen, zu wissen, was nach dem Tod geschieht, ist so alt wie die Menschheit selbst. Kein Wunder, dass im evangelikal geprägten Nordosten der USA die drei Schwestern von Haus zu Haus weitergereicht wurden, um dort ihre Séancen abzuhalten. 1848 hatten sie behauptet, in ihrem Haus Klopfzeichen hören zu können, die von einem im Keller begrabenen ermordeten Hausierer stammten.
Die Morsezeichen aus dem Jenseits wussten die drei so erfolgreich zu vermarkten, dass bereits bei ihrer ersten Sitzung in Rochester (New York) 400 Gäste dem Hokuspokus begeistert lauschten. Bereits zehn Jahre später waren Millionen Amerikaner davon überzeugt, mit ihren Verstorbenen zu plaudern, wenn das Trio seine Show abzog. Selbst Zar Alexander III. lud eine von ihnen, Kate, nach Moskau zu einer persönlichen Audienz ein. Erst am Ende ihres Lebens – die Schwestern hatten sich mittlerweile entfremdet, Kate und Maggie waren alkoholsüchtig geworden – gestanden sie, dass alles ein gigantischer Schwindel gewesen war. Selbst aus dem Geständnis schlugen sie noch Kapital: Maggie Fox hielt bis zu ihrem Lebensende Vorträge über die Spökenkiekerei, mit der sie ihre Zeitgenossen gefoppt hatte.
Das klingt nach einem Stoff für einen spannenden, historisch interessanten und auch humorvollen Roman. Einen Roman, der zeigt, wie leicht sich die einen an der Nase herumführen lassen und die anderen gewieft genug sind, um daran zu verdienen. Der zu einer Zeit spielt, in dem die Frauenbewegung an Fahrt aufnimmt und zumindest drei von ihnen couragiert und kess genug sind, eine männerunabhängige Existenz zu führen – zu einer Zeit, als alleinstehenden und erfolgreichen Frauen noch ein zumindest zweifelhafter Ruf vorauseilte. Das jedoch wird in „Klopfzeichen“ nur am Rande gestreift.

Was der Österreicher Bastian Kresser aus diesen Tatsachen gemacht hat, ist spannungslos wie eine durchhängende Wäscheleine und öde wie der Besinnungsaufsatz eines mittelmäßigen Schülers. Auch stilistisch sind die mehr als 400 Seiten keine Glanzleistung (so wird etwa das Wort „verschieden“ vor allem als Superlativ geradezu inflationär verwendet), und dem Lektor (gab es einen?) sind auch zahlreiche Fehler grammatischer und satzzeichensetzender Art entgangen. Abgesehen davon ist der Inhalt von „Klopfzeichen“ natürlich  prächtiges Filmfutter. Aber nur, wenn es einem anderen (Drehbuch-)Autor vorgesetzt wird. Fazit: Lieber was anderes lesen. Rainer Nolden

Bastian Kresser, Klopfzeichen, Braumüller Verlag, 432 Seiten, 24 Euro.