1. Meinung

Reingelesen: "Sommernovelle"

Reingelesen: "Sommernovelle"

Sie sind fünfzehn, aus Süddeutschland, beste Freundinnen, entschlossen, die Welt zu verbessern und die Menschen zu ändern. Und naturverbunden.

Deshalb haben sie sich für einen Ferienjob in einer Vogelstation auf einer Nordseeinsel beworben und, obwohl viel zu jung, tatsächlich eine Zusage erhalten. Lotte und ihre Freundin, die Ich-Erzählerin, die nur "Panda" genannt wird, was sie wohl ihrer Figur zu verdanken hat, fahren in den Norden und treffen auf der Insel eine Gruppe von Sonderlingen, die sich um das Wohl der Vögel kümmern und nebenbei Touristen die Natur im Allgemeinen und die Arbeit auf der Station im Besonderen erklären.

Die beiden Mädchen fühlen sich nicht wirklich willkommen, obwohl einer der Ornithologen ein väterliches Wohlwollen gegenüber "Panda" an den Tag legt und sie lehrt, "den Himmel zu lesen", also die Anzahl der Vögel, die in dichten Schwärmen über die Insel hinweg ziehen, zu bestimmen. Dennoch bleibt zwischen ihnen eine eigenartige Distanz.

Warm werden die beiden Mädchen auch nicht mit den anderen Bewohnern der Vogelstation: der forschen Melanie, dem geheimnisvollen Fräulein Schmidt und dem Studenten Julian, in den sich Lotte verliebt, was dieser eine Nacht lang ausnutzt, ehe er sich wieder seiner Freundin Melanie zuwendet. Doch fast beklemmend wird die Atmosphäre, als der Professor, der die Vogelstation gegründet hat, auftaucht. Ihn umgibt ein Geheimnis, dem die Mädchen allerdings bald auf die Spur kommen. Zunächst empört darüber, weil sie sich selbst getäuscht fühlen, wird ihnen erst später die Tragweite dieses vertanen Wissenschaftlerlebens bewusst.

"Sommernovelle" von Christiane Neudecker ist ein Roman der Erinnerungen - an das Verschwinden der Jugend und den Schwebezustand, den man bis zum Erwachsensein durchstehen muss. "Es gibt diese Sommer nur in der Kindheit oder in der Jugend. Oder im Übergang vom einen zum anderen", lauten die ersten beiden Sätze des Romans. Im letzten Kapitel werden sie variiert: "Es gibt diese Sommer nur in der Kindheit oder in der Jugend. Oder in der Erinnerung - für immer in den eigenen Gedanken geborgen."

Neudecker gelingt es meisterhaft, dieser Erinnerung poetische Worte zu verleihen. Sie komponiert Sätze von betörender Schönheit, die einen in die Geschichte hineinziehen. Die Worte formen sich zu bildstarken Szenerien, sind Fotografien gewordene Buchstaben: "Das Glitzern der auslaufenden Wellen fing sich im wolkigen hellen Fell der Moorschnucken." "Unter meinen geschlossenen Augenlidern verformten sich die Flügelspitzen der Vögel zu Seriphen, die Biegungen ihrer Hälse wurden zu Vokalschwüngen, die Maserungen auf ihrem Gefieder zur Textschraffur."

Es ist zudem eine Geschichte mit Andeutungen und Rätseln, denn jede der Personen, auch die beiden Teenager, hüten ihre Geheimnisse, die sich nur teilweise im Verlauf der knapp 190 Seiten eröffnen. Das hält die Handlung bis zur letzten Seite in einem spannungsgeladenen Ungefähren voller Melancholie, Sehnsucht - und bittersüßem Abschiedsschmerz.

Christiane Neudecker, Sommernovelle, Luchterhand, 189 Seiten, 16,99 Euro.