1. Meinung

Rezension Thomas Bernhard Biografie, Peter Fabjan, Nicolas Mahler

Aufgeschlagen - neue Bücher : „Das bösartige Kind in ihm blieb zeitlebens lebendig“

In Trier ist die Intellignz nicht zuhause“ und „Man geht nicht ungestraft nach Trier / man geht nach Trier und macht sich lä- cherlich.“  So verkündet es „Der Weltverbesserer“ in Thomas Bernhards (9.2.1931-12.2.1989) gleichnamigem Theaterstück.

Der berühmte österreichische Schriftsteller und „Erzgrantler“ übergießt zudem viele weitere deutsche Städte, aber vor allem Österreichs Hauptstadt Wien mit seinem bärbeißigen Spott. Selbst vor der eigenen Familie macht der bedeutsame Dramatiker nicht halt. Das beweist jetzt zum einen ein Buch, das unter dem Titel „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard“  mit dem Untertitel „Ein Rapport“ quasi zum 90. Geburtstag des Schriftstellers erschienen ist. Autor ist  Peter Fabjan, jüngerer Halbbruder und behandelnder Arzt Thomas Bernhards. Beide hatten dieselbe Mutter, aber unterschiedliche Väter. Fabjan, heute 82 Jahre alt, kam sich laut eigener Aussage häufig nur als Chauffeur und geradewegs Diener des älteren Bruders vor:„Die immer wieder fühlbare Verachtung war ihm Bedürfnis, um die ebenso stets vorhandene Zuneigung auszugleichen; desgleichen Provokation, ja Verletzung des Gegenübers, um in der Reaktion eigenes Leben spüren zu können, das in ihm wohl in frühester Kindheit erstorben war.“ Kurz darauf „rapportiert“ Fabjan: „Nach diversen erforderlich gewordenen Aufenthalten in Spitälern in Wien, Salzburg und Wels meinte Thomas eines Tages zu mir: ,Ich geh in kein Spital mehr. Jetzt will ich, dass du dich um mich kümmerst!‘ Und so ist es dann im Großen und Ganzen auch gekommen. Ich besuchte Thomas  Bernhard in seinen letzten Jahren fast täglich. Immer wieder reiste ich ihm nach, um ihn zu behandeln.“ Diese Äußerungen über Bernhards ständige Forderungen und sein Verhältnis zu seinen Mitmenschen, die im Buch auch durch viele Fotografien ausführlich vorgestellt werden, sind die bedeutsamsten Informationen Fabjans über seinen Halbbruder. Sie zeigen ganz prägnant, wie sich der Schriftsteller „aus den beengenden Familienbanden zu befreien und sich ein Leben als Künstler zu erkämpfen“ suchte.

„Er (Bernhard) hat eines Tages sich von der Gesellschaft abgeschlossen und sich entschieden, diese ihm in ihrer Normalität fremde Welt nicht ohne Eklat zu verlassen. Das bösartige Kind in ihm blieb dabei zeitlebens lebendig“,  heißt es im Kapitel „Thomas Bernhard, eine Herausforderung für die Gesellschaft, ein Glücksfall für die Literatur“.    

Fast gleichzeitig mit Fabjans Rapport erschien das Werk „Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biografie“ des österreichischen Comic-Zeichners Nicolas Mahler. In 99  Bildern bietet Mahler, der auch schon Adaptionen zu Werken Bernhards geliefert hat, „bitterböse“ Cartoons zu Zitaten und dem Leben des  Autors.

Fazit: Beide Bände sind für Bernhard-Fans von großem Interesse. Vor allem der „Rapport“ seines Halbbruders Fabjan beleuchtet  Bernhards äußerst gespaltenes Verhältnis zur Gesellschaft seiner Zeit. Aber auch für Literatur-Liebhaber allgemein sind die Bücher sicher bemerkenswert. Mit seiner spitzen Feder ist Mahlers Blick auf Bernhard selbst genauso „böse“ wie des Schriftstellers Sicht auf die ihn umgebenden Menschen. Jörg Lehn

Peter Fabjan, Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021,195 Seiten, 24 Euro. 

Nicolas Mahler, Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biografie, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 125 Seiten, 16 Euro.