Rezension zu Claretta Cerio: "Mit Bedenken versetzt", dtv Verlagsgesellschaft 2018, Neuauflage

Aufgeschlagen Neue Bücher : Ein Leben zwischen zwei Welten

Wen mit Capri und Sylt oder mit einer der beiden Inseln ein inneres Band verknüpft, und wer aus erster Hand erfahren möchte, was es bedeutet, sich in schwierigen Zeiten auf die eigenen Stärken zu besinnen, für den wird das Buch „Mit Bedenken versetzt“ der deutsch-italienischen Schriftstellerin Claretta Cerio zur lohnenden Lektüre.

Die Autorin beschreibt darin anekdotisch ihre Kindheit und Jugend in den von Faschismus und Krieg geprägten Jahren 1927 bis 1945 zwischen den beiden Inseln. Am Ende steht ein Ausblick: Nach dem Krieg wird sie sich auf Capri niederlassen und den wesentlich älteren Ingenieur, Architekten, Schriftsteller und zeitweiligen Bürgermeister der Insel, Edwin Cerio, heiraten. Wie in vielen ihrer Bücher hält Claretta Cerio auch in „Mit Bedenken versetzt“ die Erinnerung an ihren 1960 verstorbenen Ehemann und Förderer lebendig.

Aus ihrer Jugend zwischen zwei  Nationalitäten, Sprachen und Welten erwuchsen der Autorin Weitsicht und Toleranz, aber auch das Gefühl, nirgendwo richtig verwurzelt zu sein. Es ist in mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall, mit diesen Erinnerungen der heute 91 Jahre alten, in der Toskana lebenden Schriftstellerin Bekanntschaft machen zu können: Zunächst verdankt es sich dem Einsatz der Sylter Gästeführerin Silke von Bremen, dass das 1981 erstmals veröffentlichte und lange vergriffene Buch im Jahr 2018 eine Neuauflage erfahren konnte. Dann schöpft Claretta Cerio als Zeugin des 20. Jahrhunderts und in eine außergewöhnliche Familie hineingeboren aus einem Fundus erzählenswerter Lebenserfahrungen. Und nicht zuletzt verfügt die Autorin über Humor und eine Sprache, die feinsinnig-detailliert die Vergangenheit für den Leser lebendig werden lässt.

Als Tochter eines Deutschen und einer Deutsch-Italienerin verbringt Claretta Cerio mit drei jüngeren Geschwistern ihre Kindheit und Jugend in den Ferien auf Capri und die übrige Zeit des Jahres auf Sylt. Der Vater stirbt vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Er hatte mit Cerios Großvater ein Café in der Westerländer Strandstraße betrieben, sich für Hitler begeistert und die Friesenkekse erfunden. Claretta Cerio kehrt mit den Geschwistern und ihrer Mutter, einer empfindsamen Künstlernatur, die einst von Lenin russischen Sprachunterricht erhielt, im Jahr 1940 in deren Heimat Capri zurück. Dort führt die Schwester der Mutter, die vom deutschen Vater, einem Bohemien, der sich um 1884 auf Capri niedergelassen und eine Italienerin geheiratet hatte, gegründete Strandpension, einst eine Künstlerherberge. Dem Sturz Mussolinis 1943 und dem Einmarsch der Alliierten in Italien folgt für Claretta Cerio und ihre Geschwister als Deutsche die Flucht mit der Mutter nach Meran. Claretta Cerio macht in den entbehrungsreichen Jahren bis zum Kriegsende und der Rückkehr nach Capri ihr Abitur. Sie wird nach dem Krieg an der Universität Neapel Philologie studieren und die Doktorwürde erwerben, wenn auch manche ihrer Schulzeugnisse einst den Vermerk „Mit Bedenken versetzt“ trugen. Doch nimmt dieser Zeugniseintrag, zum Buchtitel avanciert, nicht in erster Linie Bezug auf die Schule selbst, sondern vielmehr noch auf das von der Autorin in der Gesamtschau Erlebte: „Außerdem wusste ich inzwischen, dass mich das Leben, stillschweigend, auch weiterhin nur mit Bedenken versetzen würde“, äußert sie in ihrem Bericht – Eingeständnis einer Beinahe-Überforderung angesichts der existenziellen Wucht des Erlebten.
Sabine Ganz

Claretta Cerio: „Mit Bedenken versetzt“, dtv Verlagsgesellschaft München, 2018, Neuausgabe, 304 Seiten, 10,95 Euro.

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