1. Meinung

Literatur: Zufall? Was sonst!

Literatur : Zufall? Was sonst!

Mit dem Aberglauben ist das so eine Sache. Jeder weist ihn weit von sich, belächelt ihn.

Aber wenn dann auf bestimmte Vorgänge auch nur drei Mal dasselbe Ereignis folgt, wird man doch stutzig.
So geht es den Leuten in Mariana Lekys neuem, fantasievollen Roman, der in einem Dorf im Westerwald spielt. Eine alte Witwe, Selma, hat dreimal in ihrem Leben von einem Okapi geträumt - jenem erst vor 80 Jahren in Afrika entdeckten Säugetier, das wie eine Kreuzung aus Zebra, Tapir, Giraffe, Reh und Maus aussieht - , und jedes Mal war im Dorf innerhalb der nächsten 24 Stunden jemand gestorben.
Zufall? Was sonst! Als Selma dann wieder von einem Okapi träumt, ahnt sie Ungutes und erzählt nur einer einzigen Person davon. Und die auch nur einer Einzigen, und die ... Und dann nimmt die Fantasie, so abwegig sie sein mag, die Bewohner in ihren Griff. Plötzlich will mancher etwas bekennen, das er vielleicht schon Jahre mit sich herumträgt, eine heimliche Liebe oder die Wahrheit über ein uneheliches Kind oder schaut mit einem anderen Blick auf seine Umgebung.
Das alles erzählt Leky wie ein Märchen, in verzauberter Stimmung, voller Sympathie für ihre teils sehr skurrilen Figuren, unter denen es eigentlich keine bösen gibt, höchstens verhinderte gute. Die meisten sind geprägt durch den Abschied von einem geliebten Menschen und haben so eine Antenne für das, "was man" - in Abwandlung des Titels - vielleicht nicht "von hier aus sehen kann".
Ob nach dem Traum vom Okapi wieder jemand stirbt, sei an dieser Stelle nicht verraten - wichtiger ist ohnehin, wie der Blick vom möglichen Ende dem kleinen Leben der Leute eine großartige Dimension gibt.
Das ist nicht frei von Kitsch und Pathos, aber meist doch ironisch gebrochen durch Situationskomik und den nüchternen Blick der allwissenden Ich-Erzählerin. Die Enkelin von Selma gibt en passant auch so manchen tradierten Volksglauben zum Besten. Ein geistreiches, originelles und auch leicht lesbares Werk.

Anne Heucher
Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann, Roman, Dumont Verlag 2017, 320 Seiten, 20 Euro.