1. Meinung

Aufstieg auf dem zweiten Bildungsweg

Aufstieg auf dem zweiten Bildungsweg

Wer Abitur und Studium erst nachträglich absolviert, muss sich in der Berufswelt nicht verstecken. Auch viele Größen aus Politik und Wirtschaft haben mal klein angefangen und sind erst über den zweiten Bildungsweg durchgestartet.

Die Soziologin Juliane Kahn (32) kam mit einem Selbstbewusstsein in die Karriereberatung, gegen das jeder Floh ein Elefant war: "Studiert hab' ich schon. Aber nicht so richtig. Es war ja nur ein Abendstudium." Das letzte Wort nuschelte sie so leise, als hätte sie den zweiten Bildungsweg aus Scham am liebsten verschluckt.

Doch was verbindet viele Größen aus Politik und Wirtschaft, so Gerhard Schröder, den Ex-Kanzler, mit Jürgen Schrempp, dem Ex-Chef von Daimler? Beide haben ganz klein angefangen: Schröder als Bauhilfsarbeiter, Schrempp als KFZ-Mechaniker. Ihr Abitur und ihr Studium haben sie nachträglich gestemmt. Der zweite Bildungsweg ist kein Bildungsweg zweiter Klasse. Wer direkt Abitur und Studium absolviert, dessen Lebenslauf ist zwar stromlinienförmiger. Aber was hat er, sofern ohne Spitzennoten, dadurch eigentlich bewiesen? Er ging lediglich auf dem - oft durchs Elternhaus - vorgegebenen Pfad. Unklar bleibt: Kann er sich durchbeißen? Für den Erfolg Verzicht üben? Visionen entwickeln und erreichen? All diese Qualitäten hat ein Absolvent des zweiten Bildungsweges bewiesen - wie sonst hätte er die Kurve aus einem erlernten Beruf zurück auf die harte Schulbank kriegen können? Offenbar ist er ausgesprochen leistungswillig und arbeitet zielgerichtet. Diesen Ehrgeiz schätzen Unternehmen.

Absolventen des zweiten Bildungswegs wie Juliane Kahn können sich also erhobenen Hauptes bewerben, auch wenn sie schon etwas älter als 30 Jahre sind. Ihre Chancen, eines Tages weit nach oben zu kommen, stehen gut - sie müssen ja nicht gleich am Tor des Kanzleramts rütteln.

Unser Kolumnist Martin Wehrle (geboren 1970) gehört zu den erfolgreichsten Karriereberatern in Deutschland. Sein aktuelles Buch: der Bestseller "Ich arbeite in einem Irrenhaus" (Econ, 14,99 Euro).