1. Meinung

Auslese: Geschmeidiger Weinkritiker

Auslese: Geschmeidiger Weinkritiker

Welche besondere Qualifikation muss eigentlich ein professioneller Weinkritiker, also ein Mensch haben, der Weine probiert, darüber schreibt und ein Urteil abgibt?

Ohne Zweifel: Er muss über sensible Geruchs- und Geschmacksorgane verfügen, muss bestimmte Aromen von Ananas bis Zitrone erkennen und Feinheiten "herausschmecken" können. Und er sollte schon sehr viele verschiedene Weine mit Verstand probiert haben. Diese Qualifikation trifft auf viele Menschen zu, an der Mosel findet man sie dutzendweise in jedem Ort. Als ausgewiesene Weinkritiker gelten sie dennoch nicht - weil sie über ihre Begabung nicht schreiben. Das tun die Profis - was zumeist keine Winzer sind. Ein erfolgreicher Weinkritiker, also jemand, dessen Bücher sich bestens verkaufen, muss schreiben können - je fantasievoller, desto besser für den Absatz seiner Schriften. Zum Beispiel Stuart Pigott. Der Mann aus England, der von sich sagt "Ich bin Wein", ist ein Meister der Weinbeschreibung. Er spricht von schlanken, rassigen und aromatischen Gewächsen, von kräuterigen Noten wie Wacholder oder getrocknetem Salbei, von überzeugender Harmonie und charismatischer Üppigkeit.

Der eine Wein hat Fleisch auf den Rippen, der andere ist ein schlaffer Weichling. Manchmal scheint aber auch Pigott an die Grenzen seines Ideenreichtums zu stoßen. Denn eines seiner am meisten gebrauchten Attribute ist "geschmeidig". Der Wein ist geschmeidig. Aha, biegsam also, flexibel und gelenkig oder vielleicht aalglatt.?
Ich lese die Texte von Herrn Pigott gerne, weil sie nicht nur informativ, sondern ebenso unterhaltsam sind, manchmal auch nichtssagend. Der Mann weiß, wie es geht. Er ist nicht umsonst einer der erfolgreichsten Weinkritiker und Weinautoren.