1. Meinung

Clemens Beckmann zu Weinetiketten mit faschistischen Motiven

Kolumne Auslese : Pervers und geschmacklos

Heißt es „Über Geschmack lässt sich streiten“ oder „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“? Wenn der aus dem Lateinischen stammende Satz übersetzt wird, ist die zweite Übersetzung richtig.

Die Diskussion passt gut zum Wein. Er kann mir schmecken, meinem Gegenüber aber überhaupt nicht. Jeder hat seinen Geschmack - nicht nur beim Wein ­– und den soll er sich auch nicht schlechtreden oder wegdiskutieren lassen.

Zumindest eine Ausnahme in Verbindung zum Rebensaft gibt es aber. In Italien ist es problemlos möglich Wein mit dem Konterfei von Adolf Hitler und anderen Despoten zu kaufen. Eine österreichische Ärztin hat dieser Tage fassungslos über das Angebot in einem Supermarkt in ihrem italienischen Urlaubsort berichtet. Die Verkäuferin habe gemeint, dass der Hitler-Wein sehr beliebt sei. Sie habe sich über das Unverständnis und das Entsetzen sogar amüsiert. Man verkaufe den Wein schon seit Jahren, habe sie lachend erzählt – hauptsächlich an deutsche Urlauber.

Ein Besuch Im Internet ist erfolgreich. Mindestens seit 2013 bietet ein Unternehmen aus der Nähe der  Stadt Udine Weine mit besonderen Etiketten an: mit barbusigen Frauen, Reproduktionen von Meistwerken Van Goghs und Monets, Porträts von Karl Marx, Lenin und Stalin –  vor allem aber mit faschistisch-militärischen Motiven. Kindern, die den Hitlergruß zeigen, den damaligen italienischen Diktator Mussolini auf einem Panzer und eben ab 8, 50 Euro je Flasche Adolf Hitler in vielen Variationen und Positionen. Gegen italienisches Recht verstößt dies nicht, in Deutschland ist es verboten.

Der Firmeninhaber sprach damals von einer „originellen Idee“. Er baut wohl darauf, dass faschistische und rassistische Gruppierungen die Flaschen als Devotionalien erwerben. In Italien gibt es großes rechtsradikales Potenzial – aber nicht nur dort. Kritik gibt es in Italien aber auch. Deshalb bietet die Kellerei die Weine vor allem im eigenen Online-Shop an. Wie lange es wohl noch dauert, bis auch Weine mit dem Konterfei von Kriegstreiber Wladimir Putin im Angebot sind?

In Deutschland ist vor allem seit Beginn der Pandemie immer wieder von der persönlichen Freiheit beziehungsweise ihrer Einschränkung die Rede. Ich kann mir gut vorstellen, dass manche Leute genau damit ihren Weineinkauf rechtfertigen. Ich nenne das pervers und geschmacklos.

mosel@volksfreund.de