1. Meinung

Was von der Lese übrig bleibt

Was von der Lese übrig bleibt

Et voilà. Die Trauben sind im Fass und fangen langsam an zu gären. In den Weinbergen, egal ob Flach- oder Steillage, ist wieder Ruhe eingekehrt.

Hüben wie drüben in Frankreich feiern Winzer Lesefeste: Bei "Dieu l'a voulu" (Gott hat es gewollt) oder moselländischen Huhnenfeiern (Nageln sie mich bitte nicht auf die richtige Schreibweise fest) dürfen sich alle Erntehelfer die Bäuche vollschlagen und auf einen guten Jahrgang trinken. Doch während in Deutschland nur noch einige einsame Wildschweine durch die Weinberge stromern auf der Suche nach süßen Beeren, sammeln in Frankreich Franzosen und Touristen mit einer Vorliebe für exotische Bräuche die Trauben, die hängen geblieben sind. Und das kann je nachdem schon mal eine ganze Menge sein.

Denn in Frankreich wird vorher ein bestimmtes Kontingent festgelegt, das die Winzer lesen dürfen. Der Rest bleibt hängen. Anschließend beginnt der legitimierte Traubenklau. Früher ging der Dorfschreier oder der Dorfpolizist mit einer Trommel durch den Ort und verkündete den Tag, an dem diese spezielle Traubenlese erlaubt war. Meist arme Leute gingen dann Reihe für Reihe ab und nahmen die verschmähten Beeren mit. Daraus machten sie ihren eigenen Wein. So sorgte der französische Staat dafür, dass nichts vergammelte. Auch heute darf jeder für seinen Eigenbedarf so viel pflücken wie er mag und lässt bei einem befreundeten Winzer keltern. Wem das zu schnöde ist, stampft - ganz traditionell - die Trauben erst mit den Füßen, presst dann mit den Händen, filtert, und füllt die Maische in ein gebrauchtes Fass, wo alles schön gären kann. Ein Chateau Lafite wird dabei zwar wohl kaum herauskommen, aber oft schmecken die selbstgemachten Lebensmittel ja am besten. Wie heißt es so schön? Honni soit qui mal y pense - ein Schelm, wer Böses dabei denkt.