Beim Friseur

Luxemburger Finanzinstitute sind vom Aussterben bedroht, hat die Hairstylistin gesagt. Sie kennt sich aus. Zu ihr kommen eine Menge Grenzgänger, die Bescheid wissen.

Während sie mir professionell den Bart trimmt, und ich den Mund kaum öffnen kann, flüstert sie mir verschwörerisch ins Ohr, wie es um Luxemburg wirklich bestellt ist: 50 Prozent der Banken machen dicht. Eine Weile hörte ich nur noch das sonore Surren des Langhaarschneiders und folgte ihrer geschulten Hand in meinem Gesicht. Nachdem sie von mir abgelassen hat und der Bart nach einer rundum Wohlfühlrasur fast ab ist, bringe ich nur ein schwaches "glaub ich nicht, aber wer weiß" hervor. Die gescheite Frau nickt vielsagend.

50 Prozent! Die Hälfte aller Banker würde nicht mehr in Luxemburg arbeiten - und irgendwann wegziehen. Wer sollte die arbeitslosen Privatkunden-Experten aufnehmen? Die Region Trier ist kein Finanzmekka. Die Geldmenschen würden nicht mehr in der hübschen Moselmetropole zum Friseur gehen. Das wäre hart - auch für den Salon der Bartrasur-Expertin (die wirklich gut ist).

Irgendwann würden die schönen Geschäfte in der Innenstadt schließen müssen, wenn niemand mehr teure Dinge kaufen wollte. Die Immobilienpreise würden fallen. Im schlimmsten Fall wird die Stadt auf dem Petrisberg Sozialwohnungen ausweisen müssen. Die Zollfahnder hätten an der Grenze nichts mehr zu tun. Und das alles, weil der Luxemburger Finanzplatz das Bankgeheimnis lockert!

Es ist ja gut, dass Luxemburg dem Schwarzgeld nun Einhalt gebietet. Aber wenn deswegen die Trierer Läden pleite gehen und am Ende noch mein neuer Lieblingsfriseur schließen müsste? Also, bitte: Wir brauchen weiter einen erfolgreichen Finanzplatz in Luxemburg, auch ohne Bankgeheimnis. Sonst muss ich am Ende noch den Bart wieder selbst rasieren.