1. Meinung

...Charlotte Roche!

...Charlotte Roche!

Es ist kaum zu glauben: Mit einer halben Million Startauflage geht heute Ihr neuer Roman „Schoßgebete“ an den Start. Dem letzten Günter-Grass-Roman hat sein Verlag nicht einmal ein Drittel davon zugetraut. Von Ihrem ersten Buch „Feuchtgebiete“ haben Sie 1,3 Millionen Stück verkauft, in 28 Auflagen. Wo es eine Nobelpreisträgerin Herta Müller mit ihrem preisgekrönten Werk „Atemschaukel“ mal gerade auf 200 000 bringt.

Kompliment. Es gibt niemanden im literarischen Deutschland, der auch nur annähernd so clever Scheiße in Geld verwandelt. Pardon, ich habe mich von Ihrer Terminologie etwas mitreißen lassen. Sagen wir so: Die meisten Autoren besitzen weniger Talent darin, Hämorrhoiden, Körpersäfte, Blut, Schweiß und Exkremente zu einem Bestseller zu kombinieren. "Supergirl im Pipi-Kaka-Land" titelten die originellen Kollegen vom Stern.90 Prozent aller Käufer, so haben Buchhändler beobachtet, sind weiblich. Das Feuilleton hat darüber gestaunt. Ich nicht. Männer parlieren über Ihr gesamtes Themenspektrum spätestens ab dem zehnten Bier an der Theke ohne jede Scham - sofern keine Frau in Hörweite ist. Dafür brauchen sie kein Buch. Aber Frauen sitzen nicht so oft an der Theke, jedenfalls nicht mehr nach dem zehnten Bier. Und das Entgangene müssen sie dann, politisch korrekt, in Form von Literatur nachholen. Und wenn sie sich nicht selber in die Buchhandlung trauen, liegt das Bändchen dank umsichtiger Freundinnen spätestens beim nächsten Geburtstag auf dem Gabentisch.

Keine Angst, das wird auch bei Ihren "Schoßgebeten" so sein, die das kleine Wortspiel mit dem Namen im Grunde nicht gebraucht hätten - das Original hätte auch gepasst.

Was Sie tun, ist eine Form von Hilfe zur Selbsthilfe, und wenn das so ehrlich-naiv rüberkommt wie bei Ihnen, finde ich das sympathisch. Genauso wie Ihre Fragen beim Abstecher als Talkmasterin in der NDR-Talkshow, der leider nicht sehr lange dauerte.

Weniger schön finde ich die Werbekampagne, die Sie und Ihr Verlag jetzt aufziehen, um das neue Buch wieder in die Bestsellerlisten zu pushen. "Sie bricht unsere letzten Tabus", versprechen die Lettern. Ja, welche denn? Was kann denn noch kommen nach so populären Sujets wie Masturbation, Analverkehr oder Inzest?

Ich will lieber nicht weiter spekulieren. Eine Tageszeitung hat Leser, die angesichts Ihres Themenspektrums weniger der Gedanke an Sex als der an Sagrotan überfällt. Aber Ihnen fällt garantiert immer noch was Neues ein.

Ihr Buch, sagen Sie, sei eine Art "Riesen-Therapiegespräch". Dann hoffen wir doch gemeinsam, dass die Therapie anschlägt. Zumindest, bis der Verlag wegen des nächsten Buches vor der Tür steht.Dieter Lintz