1. Meinung

Der teuer erkaufte Kick

Der teuer erkaufte Kick

Jeden Tag erreichen uns via Zeitung, Fernsehen, Internet Bilder des Grauens von Kriegen, Krisen und Katastrophen in aller Welt. Aktuell etwa vom Völkermord im Südsudan, vom Bürgerkrieg in Syrien, vom weiter eskalierenden Ukrainekonflikt.

Und nach anfänglichem Entsetzen stellt sich die Routine ein. Wir stumpfen ab. Zwischen Suppe und Kartoffeln registrieren wir sie gerade noch - die menschlichen Dramen, die ja gottlob weit weg sind und an denen wir sowieso nichts ändern können. Vor wenigen Tagen, kurz nach dem Lawinen-Unglück am Mount Everest, bei dem 16 nepalesische Bergführer ums Leben kamen, berührte mich dann doch eine Fernsehsequenz stärker als gewöhnlich. Es war eine Gruppenaufnahme von Hinterbliebenen. Mittendrin eine alte Frau aus einer Gegend, die mich noch nie besonders interessiert hat. Die Frau sagte nichts, sie weinte nicht, in ihrem Gesicht waren weder Wut noch Verzweiflung. Aber eine so abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit, die mir dieses fremde Leid näher brachte als manch Trauerfall in direkter Umgebung. Und es stimmt ja auch nicht, dass uns diese Tragödien nichts angehen. Wegen Hundertschaften gut betuchter Bergtouristen, darunter überwiegend Europäer, die die Exklusivität, den ultimativen Kick suchen, sterben Menschen. Und das nicht zum ersten Mal. Die Sherpas - Bergführer, die hochgefährliche Routen sichern und zugleich Lastesel für die Kletterer sind - stehen als Beispiel für viele Formen moderner Sklaverei. Andererseits braucht Nepal als eines der ärmsten Länder der Erde den Tourismus. Laut Internetlexikon Wikipedia bringt er etwa 30 Prozent der Gesamtdevisen. Da lässt sich - zugegeben - gut aus der Ferne moralisieren. Und doch ist es ein Scheinargument. Devisen gegen Ausbeutung von Mensch und Natur - das ist langfristig kein tragfähiges Geschäftsmodell, sondern eine Sackgasse, in die schon viele, weitaus weniger extreme Tourismusregionen hineingelaufen sind. In der Stuttgarter Zeitung nennt Bergsteiger-Ikone Reinhold Messner die jetzige Form des Everest-Tourismus Selbstbetrug. Die Leute gäben zwar viel Geld aus, hätten aber den Berg nicht verstanden, nicht bestiegen und stattdessen andere in den Tod laufen lassen. Diese anderen und ihre Familien haben teurer bezahlt.

Isabell Funk Chefredakteurin