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Corona: Darum ist der Inzidenzwert als alleinige Richtgröße unsinnig

Kolumne: Die Woche im Blick : Die 50 und die 100 als magische Zahlen - Darum ist der Inzidenzwert als alleinige Richtgröße unsinnig

Es wird lockerer: 50 und 100 – das sind die entscheidenden Zahlen für Öffnungen in der Corona-Zeit. Der Wert für Neuinfektionen in einer Woche pro 100 000 Einwohner ist die Kenngröße, die zählt. Die bis Mittwoch wichtige 35 ist praktisch verschwunden. Das Signal schien der Politik nicht zumutbar: Denn Öffnungen wären in vielen Orten absehbar unmöglich gewesen.

Für Erheiterung sorgte in der Nacht des Corona-Gipfels Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller mit seiner Bemerkung, nun könnten alle auf einem Blatt Papier sehen, was wann möglich sei. Letzter Beleg für die Fehleinschätzung: In Rheinland-Pfalz gab die Landesregierung erst heute bekannt, dass ab Montag wieder der Einkauf vor Ort möglich ist. Es zählt die Grenze von 50 – zunächst im Bundesland, zudem darf die jeweilige Stadt oder der jeweilige Kreis ebenso nicht über 100 liegen.

Zugegeben: Der Kampf gegen Corona ist komplex, Lösungen müssen vielfältig sein – allerdings eben auch noch verständlich. Dazu kommt: Die ausschließliche Orientierung an den Inzidenzwerten ist schlichtweg unsinnig. Es ist eben ein Unterschied, ob es einen Corona-Ausbruch bei fitten Arbeitern in einem Schlachthof gibt oder bei älteren Menschen. Zudem werden Schnell- und Selbsttests dafür sorgen, dass mehr Infektionen entdeckt werden. Es ist gut, wenn damit die Dunkelziffer an unentdeckten Fällen sinkt. Es ist aber ebenso Fakt, dass bei unveränderter Infektionslage damit die Inzidenzzahl steigt. Wichtiger wäre, sich jetzt auch daran zu orientieren, wie viele schwere Erkrankungen es gibt – etwa an der Zahl der Covid19-Intensivpatienten.

Insgesamt zeigt sich die Politik schwerfällig – bei Impfungen, Schnelltests und bei der Orientierung an Branchen statt an Hygienekonzepten bei Öffnungen. Wären mehr als ein Jahr nach den ersten Fällen Möglichkeiten der Digitalisierung und der Tests besser genutzt worden, könnte sich Deutschland lockerer machen. Dass dies Menschen frustriert und dafür sorgt, dass sie sich ihre Nischen fernab der Regeln suchen, ist bedauerlich – und nachvollziehbar.