1. Meinung

Kolumne Eifel-Einsichten

Kolumne Eifel-Einsichten : Bewegungsprofile

Die Coronatagebücher, zweiter Eintrag: Wir pfeifen auf den Samstag, Leute, die Kolumnen müssen jetzt raus, auch wenn sie mir vielleicht vor der Zeit ausgehen wie den Krankenhäusern die Schutzkleidung und die Atemgeräte.

Aber was immer du heute schreibst, kann morgen schon wieder so erledigt sein wie das Klopapier von gestern.

 Was ist richtig, was ist falsch? Wie oft habe ich zu den Leuten in all den Jahren beim Fototermin gesagt: Bisschen näher zusammen! Umarmen? Aber gern! Weil‘s einfach die schöneren Bilder ergibt. Und jetzt? Wenn wir überhaupt noch solche Termine haben, dann müssen wir sagen: Stellt euch bitte noch ein bisschen weiter auseinander. Und noch ein bisschen ... Ja, doof. Aber auch: gut.

Distanz! Wenn mir auf der Straße ein Auto von hinten zu nahe kommt, dann geb ich Gas, um den Abstand zu vergrößern. Bekloppt. Früher hätt ich den radikal runtergebremst.

Was ist richtig, was ist falsch? Beim Einkauf für die Familie im Supermarkt (ich: blaue Einweg-Plastikhandschuhe an den Flossen) treffe ich Patenkind Olivia. Warum sie keine Einweghandschuhe trägt? „Weil wir ja brave und umweltbewusste Bürger sind, haben wir zu Hause das Plastik reduziert.“ Wir winken einander zum Abschied zu, zwei brave und bewusste Bürger, und ziehen weiter, im Zickzack um die anderen Einkäufer herum wie die kleinen Eisenspäne, die vom Magneten abgestoßen werden.

So geht es allen, die den Schuss gehört haben und die Distanzregel einzuhalten versuchen: „Wenn einer von mir im Supermarkt ein Bewegungsprofil erstellt hätte, er hätte mich für total besoffen gehalten“, sagt die Schwiegertochter.

Und so dengelt man weiter durch den Laden und die Gänge wie ein Flummi in der Gummizelle.

Dann steh ich an der Kasse. Zahle mit Karte. Ziehe mein Mäppchen raus, mit dem Handschuh natürlich, total ungelenk, und denke: Mist, das Mäppchen musst du gleich sofort desinfizieren. Und die Bankkarte? Eigentlich ja dann auch. Aber geht davon nicht der Magnetstreifen kaputt? Weiß das einer? Und muss ich nicht auch die Flasche mit dem Desinfektionsmittel desinfizieren? Die hab ich doch mit der eventuell verseuchten Hand aus der Jacke gezogen! Also: Flasche raus, Hände eingesprüht, Flasche mit den besprühten Händen abgerieben, dann nochmal gesprüht, nochmal die Finger geschmirgelt. Uff. Du atmest kurz auf, weil dich keiner dabei beobachtet hat. Und schon schießt es dir durch die delirierende Birne: Ist jetzt die Innenseite meiner Jackentasche nicht auch verseucht? Man wird irre.

Was ist richtig, was ist falsch? Dieser Tage beim Fernsehgucken: Da umarmen sich welche, in irgendeinem Film, hängen aufeinander wie die Sardinen, und ich denke: „Verdammt! Wie können die nur?!?“ Bis mir einfällt, dass das ja alles schon vor der Coronazeit gedreht wurde. Gott, muss das lange her sein.

So, Schluss. Was mach ich jetzt? Komm, nochmal Händeschrubben. Um mich von dem ganzen Sprüh-Sport zu erholen. Zweimal Happy-Birthday-to-you lang.

Wir sehen uns! Das heißt im Moment: Wir sehen uns. Mehr aber auch nicht.

Durchhalten. Et jit net jerannt.