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Entschuldigung, Herr Wulff!

FOTO: Swen Pförtner (dpa)
Trier. Die Medien müssen einen anderen Umgang mit „Skandalen“ lernen - ein Kommentar von unserem leitenden Redakteur . Dieter Lintz

Ich fürchte, es werden nicht viele aus meiner Branche auf diese Idee kommen, also sage ich es selbst: Pardon, Herr Wulff. Entschuldigung, dass wir Medienleute - oder jedenfalls viele von uns, vor allem die geschätzten Kollegen Hauptstadt-Journalisten - Ihre politische Karriere und wahrscheinlich auch Ihr Privatleben ruiniert haben.

Dafür, dass wir Ihre persönliche Integrität mit Füßen getreten haben.

Dafür, dass wir Tag für Tag aus vollen Rohren weiter geballert haben, obwohl wir sehen mussten, dass die Munition immer dürftiger wurde.

Dafür, dass am Ende kein Vorwurf zu schäbig war, als dass man ihn nicht aufs Tapet gebracht hätte.

Dafür, dass wir ein öffentliches Klima geschaffen haben, das für einen halbwegs rationalen und anständigen Umgang mit Ihnen keinen Raum mehr ließ.

Manche sprechen in diesem Zusammenhang von einer Kampagne. Ein Irrtum. Denn eine Kampagne setzt zweckgerichtetes, von einer höheren Warte aus gesteuertes Verhalten voraus. Hier ging es eher um einen kollektiven Jagdtrieb, der am Ende einen Skalp geradezu zwingend erforderte. Es musste bewiesen werden, wer mächtiger ist: ein Bundespräsident oder die vereinigte Meinungsmacht von Bild, FAZ, SZ bis Spiegel samt der kompletten Berliner Medien-Raumschiffbesatzung.

Sie konnten diesen Kampf nicht gewinnen, Herr Wulff. Schon deshalb nicht, weil auch der Politikbetrieb nicht die geringste Lust hatte, Ihnen zu helfen. Ihre politischen Gegner genossen Ihren Sturz in der Hoffnung, auch die Kanzlerin könne Schaden nehmen. Und Ihre konservativen Freunde haben nie mehr ernsthaft für Sie eingestanden, seit Sie es wagten, darauf hinzuweisen, dass auch der Islam zu Deutschland gehöre.

Mein persönlicher Bundespräsident wären Sie nie gewesen. In einer Ahnenreihe mit Heinemann oder Weizsäcker sind und bleiben Sie ein Leichtgewicht. Ihre Fehler und Ungeschicklichkeiten liegen auf der Hand. Aber Sie waren gewählt. Und damit hätte klar sein müssen, dass nur handfeste, belastbare, justiziable Vorwürfe es rechtfertigen, Sie aus dem Amt zu jagen. Und die waren in dieser Affäre von Anfang an Mangelware.

Was übrigens nicht heißt, dass Justiz und Medien solchen Vorwürfen nicht nachgehen müssen. Aber doch unter Einhaltung der Unschuldsvermutung und ohne diese unerträgliche Tonart der persönlichen Herabwürdigung.
In solchen "Skandalen" hat sich ein fataler Mechanismus etabliert. Ein Politiker wird auf der Basis vager Verdachtsmomente angeschossen und in die Enge getrieben. Unter diesem Druck macht er Fehler, und wenn sich dann der ursprüngliche Verdacht als nicht hinreichend tragfähig erweist, müssen diese Fehler eben für die Rücktrittsforderungen herhalten. Motto: Selbst schuld.

Es wäre jetzt höchste Zeit für besonnene Medienvertreter, solche Mechanismen offenzulegen und zu stoppen. Leider sieht es nicht einmal ansatzweise danach aus. Die Gier, mit der man im Prozess auf belastende Aussagen von Bettina Wulff und Olaf Glaeseker wartete, die relativierenden Aussagen in den Talkshows dieser Tage, dass man ja zwischen juristischer und moralischer Rehabilitation unterscheiden müsse, die Vorwürfe an die Staatsanwälte, die doch auch nur unter jenem Druck agierten, den die Medien vorher geschaffen hatten: Das alles lässt nichts Gutes erwarten. Der nächste Wulff kommt bestimmt.

d.lintz@volksfreund.de