Ertappt?

Fast jeder Auto-, Motorrad-, Brummi- oder Busfahrer hat sich schon einmal ein Knöllchen wegen Geschwindigkeitsüberschreitung eingehandelt und sich geärgert. Nicht über sich selbst, sondern über die "Abzocke" der Behörden.

Fast jeder Fahrer wurde schon mal von einem Raser bedrängt und hat sich darüber aufgeregt. Fast jeder Fahrer hat schon einmal falsch geparkt und fast jeder verflucht die idiotischen Falschparker. Wenn es die anderen machen, ist es eine Schweinerei, wer selbst gegen Regeln verstößt, hat immer gute Gründe. Und es bleibt ja meist nicht bei dem einen Mal. Ertappt? Wer in einer Tempo-30-Zone wirklich 30 fährt und nicht 40 oder wenigstens 35, dem kleben garantiert ungeduldige Hinterherfahrende an der Stoßstange. Ähnliches spielt sich in Autobahnbaustellen bei Tempo 60 oder 80 ab. Auf Landstraßen nervt der Brummi vor der Nase. Schnell mal mit 120 Sachen dran vorbei, nicht selten auch auf unübersichtlichen Strecken. Es gibt so viele Situationen im Straßenverkehr, die wir im Griff zu haben glauben, weil wir, wir ganz allein, ja den Überblick haben. Dagegen sprechen die Fakten: Laut Statistischem Bundesamt steigt seit 2013 die Zahl der Toten und Verletzten im Straßenverkehr wieder an. 2015 starben auf Deutschlands Straßen 3475 Menschen. Knapp drei Prozent mehr als im Vorjahr. 393 700 wurden verletzt. Von den Sachschäden wollen wir gar nicht reden. 90 Prozent aller Unfälle sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. Rasen, Drängeln, zu dichtes Auffahren gehören mit zu den häufigsten Ursachen. Als diese Woche der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius ein Bußgeld um die 1000 Euro für Geschwindigkeitsüberschreitungen von 20 km/h aufwärts forderte, stieß er auch in den Reihen seiner Ministerkollegen auf breite Ablehnung. Häufigste Gegenargumente waren Unverhältnismäßigkeit und mangelnde Kontrollmöglichkeiten durch eine Polizei, die schon mit der Verbrechensbekämpfung mehr als genug zu tun habe. Was aber ist bei jährlich Tausenden Toten und Hundertaus enden Verletzten verhältnismäßig? Verglichen mit unseren Nachbarländern, bei denen generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen auch auf Autobahnen gelten, sind die Bußgelder im Autobauerland Deutschland niedrig. Dadurch sinkt auch der Druck, Tempo-Limits besonders ernst zu nehmen - übrigens auch bei durchreisenden Ausländern. Jeder möge sich mal selbst beobachten: Auf luxemburgischen, belgischen, französischen oder niederländischen Autobahnen drosseln wir doch auch das Tempo. Wohl weniger aus Einsicht, sondern weil´ es da bei Überschreitungen empfindlich teuer werden kann. Die Polizei muss gar nicht vor Ort sein. Allein die Möglichkeit, beim Zuschnappen einer Radarfalle so bestraft zu werden, dass es wirklich wehtut, wirkt ungemein beschwichtigend.

Isabell Funk
Chefredakteurin