1. Meinung

Filmrezension "Der Club der toten Dichter" von Peter Weir

Couchkino : „Oh Captain! My Captain!“

Tradition, Ehre, Disziplin, Leistung! Das sind die Werte, die die „Welton Academy“ an ihre Schüler vermittelt. Verboten ist in dem Internat natürlich alles, was Spaß macht – also auch, und das ist auch der Titel des Films, „Der Club der toten Dichter“.

Hier soll – anno 1959 – die Elite von morgen herangezogen werden. Geleitet wird das Jungen-Internat vom Schulleiter Mr. Nolan (Norman LLoyd, der im Alter von über 100 Jahren noch eine Rolle im Film Dating Queen spielt).

Mr. Nolan hat nicht das Herz eines Albus Dumbledore. Während der Leiter der „Schule für Hexerei und Zauberei“ in Hogwarts seine Schüler ermutigt, sich und ihre Grenzen auszuloten, erinnert der Direktor von Welton eher an – um in Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Universum zu bleiben, Unterstaatssekretärin Dolores Umbridge (nur ohne Liebe zu den Katzen). Aber auch in Welton gibt es einen Lehrer mit Herz. John Keating, gespielt vom 2014 verstorbenen Oscar-Preisträger Robin Williams, liebt Poesie. Und die gibt er an seine Schüler weiter.

Alles fängt mit dem englischen Dichter Robert Herrick (1591 – 1674) an. In seinen Gedichten erklärt er den lateinischen Spruche „Carpe diem“ (oft mit „Nutze den Tag“ übersetzt) zu einem Lebensprinzip. Und dieses Gefühl will auch Keating bei seinen Schülern wecken: „Denkt selbstständig! Macht, wofür Euer Herz brennt.“

Und Keating motiviert seine Schüler, etwas zu machen, was an der Eliteschule verboten ist. Eine Clique um Neil Perry (Robert Sean Leonard, musste seinen zweiten Vornamen von Lawrence in Sean ändern, um der US-Schauspielergewerkschaft beitreten zu können) und Todd Anderson (Ethan Hawke, der wiederholt in Shakespeare-Stücken auf der Bühne stand) lässt den „Club der toten Dichter“ wieder auferstehen. Man trifft sich heimlich nachts außerhalb des Internats in einer Höhle. Auf diesen Treffen werden Gedichte von berühmten Autoren aber auch eigene Lyrik-Stücke vorgelesen.

Dadurch entdeckt Neil Perry seine Liebe: Das Schauspiel. Er spielt den Puck in William Shakespeares (1564 – 1616) Komödie „Mittsommernachtstraum“. Sein Vater Tom (Kurtwood Smith spielt oft den Filmschurken) is not amused – Neil soll ab sofort die Militärakademie besuchen. So weit kommt es nicht mehr. Neil nimmt nachts den Revolver seines Vaters und erschießt sich.

Natürlich ist der Suizid nicht mit den Werten des traditionsbewussten Internats vereinbar. Mr. Nolan findet schnell einen Schuldigen für die Tragödie: Keating. Er manipuliert in einer internen Untersuchung die Aussagen der Schüler – auch mithilfe ihrer Eltern. Der von den Schülern geliebte Englischlehrer wird gefeuert und der Schuldirektor höchstpersönlich übernimmt den Unterricht.

Als Keating ein letztes Mal den Klassenraum verlässt, leitet Todd Anderson mit Walt Whitmans (1892 – 1892) Vers-Zeile „Oh Captain! My Captain“ – übrigens eine Hommage an den 1865 ermordeten US-Präsidenten Abraham Lincoln – die Kapitulation des Systems Nolan ein. Die Schüler gewinnen ihre Freiheit.

Mit seinem Film „Der Club der toten Dichter“ setzt der australische Regisseur Peter Weir ein klares Statement gegen herzlose Prinzipienreiter, die sich auf Werte berufen, an die sie sich selbst nicht halten. Sehenswert.

Alexander Schumitz

Der Film wird von mehreren Streamingdiensten angeboten. Den Film gibt es auch als DVD.