1. Meinung

Christiane Friedrich zur Fatsenzeit

Glaube im Alltag : Umkehren zum Leben

Am Sonntag beginnt in den christlichen Kirchen die Fastenzeit. Eigentlich haben wir schon genug gefastet. Die notwendigen Einschränkungen im öffentlichen und privaten Zusammenleben lassen die Sehnsucht nach Normalität wachsen.

Aber was ist normal?

Anfang dieser Woche ist das Buch „Why we matter“ erschienen. Emilia Roig erforscht soziale Hierarchien und stellt fest: Weiße werden höher bewertet als Schwarze, Männer höher als Frauen; Gruppen, die nicht der Norm entsprechen, stehen weit unten in der sozialen Hierarchie. Unterdrückung ist ein gesellschaftliches, politisches und kulturelles System.

Das ist doch nicht normal!

Warum wir unterdrücken, erklärt Roig mit der „Empathielücke“. Diese Empathielücke zu schließen, sich also in die Lage des/der anderen hineinzuversetzen, ist eine gemeinsame Aufgabe. Denn alle menschlichen Leben sollten gleich sein.

Normal wäre, dass alle Menschen gleich sind; es ist die Grundlage unseres Grundgesetzes und der Menschenrechte weltweit.

Die Fastenzeit der christlichen Kirchen ist die Vorbereitungszeit auf das Fest des Lebens, Ostern. Maßstab ist der Gott des Lebens, der alle Menschen mit gleicher Würde ausstattet und liebt. Die biblische Aufforderung am Sonntag heißt: Kehrt um zum Leben.

Was dient dem Leben? Und was verhindert Leben? Begegne ich meinem Gegenüber mit einer Empathielücke? Was müsste normal werden, damit Zusammenleben gelingt und Leben gefördert wird?

Eine Online-Ausstellung kann zu neuen Sichtweisen verhelfen: Prophetisch.com legt den Finger in die Wunden des Lebens: Was ist Unrecht? Was tun wir einander an? Und ermutigt zum Handeln: Wie Frieden schaffen? Wie gemeinsam Zukunft gestalten?

Sich zu informieren, zuzuhören und weiterzuerzählen hilft, die Empathielücke zu schließen. Einander kennenzulernen ermöglicht, Vorurteile abzubauen, ein zuweilen anstrengender, aber bereichernder Weg.

Meine Sehnsucht in dieser Fastenzeit lautet: Umkehren zum Leben, zu einer menschenwürdigen Normalität.