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Religion
Die kleine Ameise und die Kirche

Kürzlich erhielt ich bei einem Treffen im Rahmen der Erkundungsphase im Bistum Trier eine Postkarte mit einem Motiv, das mich zunächst fragend in die Runde schauen ließ. Eine Ameise auf einem Holzbrett, die ihren Weg nach oben sucht…

Eine Ameise – unscheinbar, unbedeutend, alleine, was hat dies mit dem Veränderungsprozess der Kirche zu tun? Doch dann erschloss sich mir die Sinnhaftigkeit dieses Motivs. Ameisen leben in einer großen Gemeinschaft. Geht es darum, ihren Lebensort, den Ameisenhaufen, zu gestalten, packen alle mit an. Jede einzelne greift sich eine am Boden liegende Tannennadel oder ein Pflanzenteil und bringt dieses zur „Baustelle“. Dabei sucht sich jede Ameise die Tannennadel aus, die ihr zusagt und die sie tragen kann. Und wenn sie zu schwer wird, helfen ihr andere, sie mit zu tragen. Weil viele das machen, entsteht bald ein großer Ameisenhügel aus verschiedenen Baustoffen, in dem es sich gut leben lässt. Und es wird immer wieder umgebaut, um zu durchlüften und Schimmelbildung zu vermeiden.

Geht es um die Nahrungssuche, kommunizieren die Ameisen, indem sie sich mit den Fühlern betasten oder eine Duftspur legen, die zeigt, wo es Leckeres zu naschen gibt. Folgen viele der Duftspur, wird diese intensiver und noch mehr folgen ihr.

Und was hat das mit Kirche zu tun? Ich finde, sehr viel!

Wir haben jetzt alle die wunderbare Chance, einen neuen, einen großen Ameisenhaufen Kirche mitzugestalten! Wir besitzen Talente, Fähigkeiten, Hobbies, Dinge, die wir gut können und gerne tun. Wenn wir diese in die Kirche der Zukunft einbringen, unsere persönliche Tannennadel an die Baustelle unserer Kirche vor Ort transportieren und dort einbauen, werden wir erleben, wie etwas Großes, Buntes, Vielfältiges entstehen kann, ein Ort, an dem – mit vielen anderen, ob jung oder alt, schon immer dabei gewesen oder gerade neugierig dazu gekommen - Miteinander und Füreinander und Nächstenliebe erfahrbar werden.

Beginnen wir doch einfach mal, mit offenen Augen und Ohren unsere Umgebung zu erkunden, tasten wir Andere mit unseren Fühlern an, schauen wir, was wir persönlich einbringen können, was uns selbst und anderen gut tut und was christliche Gemeinschaft schafft. Legen wir doch unsere Duftspur für andere aus. Die kleine Ameise, die nur das trägt, was sie auch selbst schaffen kann, zeigt uns den Weg…

Rainer Martini, Caritas