| 16:04 Uhr

Religion
Erinnert euch doch!

Rudolf Halffmann
Rudolf Halffmann FOTO: privat / TV
An Ostern hatten sich die Ereignisse für Jesu Jünger überstürzt: Zuerst versetzten die Frauen sie in helle Aufregung mit der Nachricht: „Das Grab ist leer. Er lebt!“ Später berichtete Simon: „Der Herr lebt, er ist mir erschienen.“ Dann kamen auch noch die zwei von Emmaus zurück und erzählten, was sie mit dem Auferstandenen erlebt hatten. Und jetzt –  steht er plötzlich selber vor ihnen. Sie erschrecken, haben Angst, geraten in Panik. Trotz allem, was sie gehört hatten, glauben sie, einen Geist zu sehen. So jedenfalls erzählt es Lukas.

Wenn man einen Toten identifizieren muss, sucht man nach Erkennungszeichen, nach vertrauten Merkmalen im Gesicht, an den Händen. Jetzt gilt es für die Jünger, einen Toten als Lebenden zu identifizieren. Sie müssen sich klar werden: Ist es Wirklichkeit oder Traum? Eine Wunschvorstellung? Jesus versucht, ihnen zu helfen, kommt ihnen entgegen. „Seht her!“ sagt er. Aber das reicht nicht. Er geht einen Schritt weiter: „Fasst mich an! - Begreift!“ Aber auch das überzeugt sie noch nicht. „Gebt mir etwas zu essen!“ Da kommt Bewegung in die Jünger. Jesus baut ihnen noch eine Brücke: „Erinnert euch doch!“ An das, was ihr von mir gehört, mit mir erlebt habt.

Egal, wie diese oder die anderen Erscheinungstexte zu verstehen sind, ob es historische Berichte sind oder deutende Erzählungen, mich berührt an ihnen die unglaubliche Geduld Jesu. Mein Gott, das wievielte Mal sagt er das jetzt schon? Wie viele Zeichen muss er ihnen denn noch geben? Jesus hat einen langen Atem. Wir dürfen uns darauf verlassen: Er fängt immer wieder von vorne an. Ja, auch bei uns! Er wird uns nicht erscheinen und sagen: „Seht her! Fasst mich an!“ Uns sagt er: „Erinnert euch doch!“ Sollte es bei uns genauso langsam gehen wie bei den Jüngern oder noch langsamer – er hört nicht auf, auch mit uns immer wieder von vorne anzufangen. So groß ist sein Interesse daran, uns zu begegnen, sein Interesse daran, aus der historischen Gestalt von damals zu unserem Weggefährten heute zu werden.

Rudolf Halffmann Pfarrer im Ruhestand, Bernkastel-Kues