Religion: Fronleichnamsprozession auch Demonstration?

Religion : Fronleichnamsprozession auch Demonstration?

Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen Katholiken am Karfreitag und Protestanten an Fronleichnam ihre Wäsche aufhängten oder auf dem Feld arbeiteten, um zu provozieren. Die Konfessionen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr aufeinander zubewegt, ein ökumenisches Miteinander ist weithin selbstverständlich.

Wenn auch die Kirchenleitungen noch mit einigen grundsätzlichen Fragen Probleme haben (zum Beispiel Zulassung zum Abendmahl), an der Basis ist die Praxis  dem offiziellen Glaubensverständnis wie meist in der Geschichte schon ein Stück voraus. Zudem ist die völlige Einheit der Christen für viele nicht mehr das Ziel. Die Vielfalt wird als Chance und Möglichkeit, den Glauben auf verschiedene Weise zu leben, positiv gesehen. Schon im Neuen Testament stehen verschiedene Gemeindemodelle gleichberechtigt nebeneinander.

Fronleichnam (leitet sich von mittelhochdeutsch vrône lîchnam ab, gemeint ist damit der Leib – „lichnam“ – des Herrn –„vron“) ist ein katholisches Fest, das in überwiegend katholischen Bundesländern gesetzlicher Feiertag ist. Da dieses Fest meist mit einer Eucharistiefeier im Freien und einer Prozession durch die Straßen der Orte gefeiert wird, hat es auch den Charakter, den Glauben öffentlich zu bezeugen. Wer bei der Prozession mitgeht, bezeugt, dass sein Glaube nicht nur etwas Privates ist, sondern auch hinaus auf die Straßen und Plätze der Städte und Dörfer gehört. Immer wieder war die Fronleichnamsprozession auch ein politischer Protest gegen die jeweiligen Machthaber, zum Beispiel im Dritten Reich oder in kommunistischen Ländern. Auch während des Kulturkampfes (1871 – 1878) in Preußen wurde die Prozession immer wieder behindert. So erhielten in Münster 1876 die Schüler keinen schulfreien Tag, aber bis zu 75 Prozent der Schüler gingen zur Prozession – Schülerprotest für den Glauben schon im 19. Jahrhundert! Fronleichnam mit seinen Bräuchen stellt so auch die Frage, wie weit unser Glaube Öffentlichkeitscharakter hat, wie weit Christen bereit sind, für ihre Überzeugung im Alltag zu stehen.