1. Meinung

GLAUBE IM ALLTAG Clemens Ruhl

GLAUBE IM ALLTAG : Fehler im System

Wussten Sie schon, dass die Nähe eines Menschen krank machen kann? So textete Wilhelm Wilms 1977, ohne von Corona zu wissen. Sein Gedicht ging aber auch weiter. Wussten Sie, dass die Nähe eines Menschen gesund machen, einen wieder lebendig machen kann?

In diesem Jahr waren Kontakte und Besuche stark eingeschränkt. Viele Menschen haben darunter gelitten. Einsame, ältere Menschen, die nicht mehr von ihren Enkeln besucht werden konnten.

Was ist mit Menschen, die eine besondere Tragödie erlebt haben? Unter normalen Umständen suchen wir sie auf, wechseln ein gutes Wort mit ihnen, nehmen sie in den Arm. Ist das systemrelevant?

Was ist das für ein System, für das die Relevanz zurzeit zur Debatte steht? Ein System, in dem die Rädchen funktionieren. Ein System ohne Specials und Extras. Gehen Sie so mal ein Auto kaufen! Ein Auto, das nur funktioniert, ohne Specials und Komfort. Ist der Mensch nur existieren und essen? Ist es ein solches System wert, aufrechterhalten zu werden?

1955 schrieb Erich Fromm das Buch „Wege aus einer kranken Gesellschaft“, ebenfalls ohne Corona zu kennen. Der Titel mutete damals wie eine steile Aussage an, denn er besagt: Wir leben in einer kranken Gesellschaft. Ist das so? Fromm fragte, ob das gesellschaftliche Umfeld ermöglicht, dass darin das Leben des einzelnen Menschen gelingen kann.

Wenn ich bis zur Rente arbeite und dann meine Enkel nicht sehen kann, ist dann mein Leben gelungen? Es gibt einen breiten Inter­pretations­spiel­raum darüber, was systemrelevant ist.

Auch Jesus hat dem Menschen immer wieder einen Weg aus seinem kranken Leben angeboten. „Willst du gesund werden?“ Mit dieser Frage meinte er nie nur die Heilung von einer körperlichen Krankheit. Zu selten haben wir uns bisher gefragt: Ist der Rahmen, in dem mein Leben abläuft, vielleicht auch krank?