1. Meinung

Glaube im Alltag vom 23./24. Januar 2021

Glaube im Alltag : Nicht nur Schäfchen zählen

Ein selten gewordenes Bild bot sich mir kürzlich. Ich musste anhalten, weil eine Schafherde die Straße überquerte. Schafe zählen als Einschlafhilfe kam mir in den Sinn, hatte ich das doch auch schon probiert, ohne Erfolg; ich war immer noch am Zählen, wenn sich das Bild der Schafe schon längst davon gelöst hatte.

Auch der Versuch, die Schafe beim Zählen mehr im Blick zu halten, scheiterte, da sie vor meinem inneren Auge immer durcheinander liefen, was mich dann nervte. Aber da gab es ja noch den Hirten, und ich erinnerte mich an Psalm 23: „ Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser…Gehe ich auch im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.“ Durch Jahrtausende bis heute haben Menschen diese Worte verinnerlicht und darin Zuversicht und Trost erfahren. Jesus bezeichnet sich selbst als den „guten Hirten“, der seine Schafe kennt. Sie folgen ihm im Vertrauen, dass es ihnen gut geht bei ihm, weil er das Beste für sie will.

Warum also Schafe zählen? Wenden wir uns doch gleich an den Hirten! Gerade auch dann, wenn sich der Schlaf nicht einstellen will. Vor dem guten Hirten können wir den Tag wieder ablaufen lassen – mit all den guten und weniger guten Momenten, mit Freuden und Enttäuschungen, mit flüchtigen Treffen und Begegnungen, die uns berührten. Da ist jemand, dem wir alles anvertrauen können. Was wir nicht zu Ende bringen und nicht lösen konnten, dürfen wir abgeben und auf einen neuen Tag hoffen mit einem neuen Anfang. Schafe zählen verhilft kaum zu einem schnellen Einschlafen, und das Sich-dem-Hirten-zuwenden ist sicherlich auch nicht das ersehnte Schlafmittel. Aber es könnte helfen loszulassen, was uns bedrängt und einengt, frei zu werden für einen neuen Tag mit einer neuen Sicht auf die Dinge und zu mehr Ruhe und Gelassenheit im Alltag zu finden – im Vertrauen darauf, dass da jemand ist, der mitgeht und alles mitträgt.