1. Meinung

Glaube im Alltag von Hermann Barth

Glaube im Alltag : Feindesliebe

Haben Sie Stress mit Nachbarn? Gibt es jemanden, der nur in Ihre Nähe kommen muss, um Ihnen den Tag zu verderben? Mit manchen Menschen stimmt einfach die Chemie nicht.“Ihr sollt eure Feinde lieben und nicht hassen.“ Dieses Wort aus der Bergpredigt scheint das lebensfernste aller Gebote zu sein.Wie kann man sich zur Liebe zwingen, wenn andere es einem schwer machen?

Eine interessante Deutung dazu stammt von dem Religionsphilosophen Pinchas Lapide. Er sagt, dass Jesus seine Forderung zur Feindesliebe ernst gemeint hat, sie aber nicht so zu verstehen ist, dass man verhasste Menschen liebevoll ins Herz schließen muss. Das wäre Heuchelei. ,,Piep,piep,piep, wir haben uns alle lieb“ - das macht die christliche Forderung der Feindesliebe lächerlich.

 Lapide untersuchte, welches aramäische Wort Jesus damals gebraucht haben könnte. Sein Ergebnis ist bemerkenswert. Bei dem aramäischen Wort für Feindesliebe geht es nicht um Gefühle, sondern um Taten. Es geht darum, Brücken zu bauen, damit eine Verständigung wieder gelingen kann. Es geht nicht darum, den Nachbarn oder den Kollegen zu lieben, aber sehr wohl darum, sie als Menschen zu sehen und zu würdigen. Das ist keine leichte Forderung, aber eine machbare. Nimmt man sie ernst, wird es kein Friede-Freude-Eierkuchen geben, aber doch wenigstens einen würdigen Umgang mit anderen Menschen.