1. Meinung

Glaube im Alltag von Monika Bauer-Stutz

Glaube im Alltag : Gemeinsam wirken

Im Dom zu Ratzeburg kann man eine Skulptur des Holzbildhauers Walter Green betrachten, die er „Aufbruch“ genannt hat. Sie zeigt zwei Figuren, die sich einander zuneigen. Der Künstler, so scheint es, hat beim „Aufbruch“ genau den Augenblick zwischen dem Noch-verbunden-Sein und dem Schon-sich-Lösen eingefangen.

Es ist nicht auszumachen, wer aufbricht, wer schon weggehen und wer noch bleiben will.

Mich beeindruckt an dieser Skulptur, dass sie eine menschliche Grunderfahrung einfühlsam und doch greifbar und offensichtlich darstellt:

Menschen kommen sich nahe, sind vertraut miteinander, berühren sich, rühren einander an, und doch ist ein Getrennt-Sein, das je Eigenständige und Auseinandergehen schon in der Begegnung angelegt. Wir teilen Lebenswege, beschreiten sie gemeinsam, kämpfen oder ringen mit- oder gegeneinander, um letztlich alleine weiterzugehen, das Eigene zu leben.

 Walter Green betont in seinen Arbeiten die individuelle Struktur und Form des Holzes. Er arbeitet mit dem beziehungsweise aus dem, was und wie es ist. In seinen Händen entsteht aus altem, verlebtem und benutztem Holz etwas Neues. Dazu trägt er Schicht um Schicht sorgfältig ab und kommt dem Holzkern, der Seele des Holzes nahe. Ihm gelingt es, die Einzigartigkeit aus dem scheinbar nutzlos gewordenen Holz herauszuarbeiten und ihm eine andere Form und eine neue Bestimmung zu geben. Green legt das frei, was unter überlagernden Krusten von Farben, Moder oder Moosen verborgen ist und bringt Unerwartetes und Verborgenes zum Glanz. 

Das kann ein Bild für unser Leben sein: Viele Erfahrungen, Begegnungen und Ereignisse prägen uns, lagern sich ab. Verborgen unter all diesen Ablagerungen liegt unser Wesenskern. Um ihn herauszuarbeiten, braucht es die kreative und schöpferische Hand Gottes und das menschliche Wollen und Mittun. Die Zusage unseres Schöpfers gilt, Freiheit und Selbstverantwortung liegen bei uns.