1. Meinung

Glaube im Alltag von Rainer Martini

Glaube im Alltag : Feingefühl für andere entwickeln

Vor einiger Zeit durfte ich miterleben, wie eine Kollegin unseres Caritasverbands sich in liebevoller Weise um eine von großen Sorgen geplagte ältere Frau kümmerte, die zu uns gekommen war.

Einfühlsam hörte sie ihr zu, suchte nach Möglichkeiten, ihr in ihrer verzweifelten Situation zu helfen, sprach ihr mit freundlichen Worten Mut zu und nahm sogleich Kontakt zu einer weiteren Kollegin auf, die weiterführende Informationen und Hilfen anbieten konnte.

Die ältere Dame verließ sicherlich deutlich erleichtert und mit neugewonnener Hoffnung das Caritasgebäude, und der Tag erschien ihr sicherlich in einem helleren, freundlicheren Licht.

So selbstverständlich, wie sich die Caritas-Mitarbeiterin in dieser unvermittelt aufgetretenen Situation verhielt – dies kann, nein, es soll Programm für uns alle sein.

Sich Menschen zuwenden, zuhören und „Not sehen und handeln“, so wie es vor vielen Jahren ein Caritas-Jahresmotto treffend auf den Punkt brachte – dies ist die Aufgabe, die sich uns Christen im Alltag täglich stellt.

Die individuelle Lebenssituation und das Verhalten verstehen, nicht urteilen und verurteilen, sondern jeden so annehmen und respektieren, wie sie oder er ist – dies gehört untrennbar dazu, denn wir wissen nicht, warum Menschen so sind, wie sie sind, wir kennen ihre Lebensgeschichte nicht, die sie geprägt hat.

In Zeiten, in denen der Umgangston immer härter zu werden scheint, in denen das Übereinander-Reden statt dem Miteinander-Reden immer häufiger zu beobachten ist und sehr schnell vorverurteilt wird, ohne Hintergründe zu kennen – in diesen Zeiten ist es umso wichtiger, wieder mehr Feingefühl für den Anderen zu entwickeln und wirkliche, aus dem Herzen kommende Zuwendung erlebbar zu machen. Genau das macht unseren christlichen Glauben aus und bietet ein ganz einfaches Gerüst unseres Handelns – nicht nur für Caritas-Mitarbeitende, sondern für jeden für uns an jedem Tag....