1. Meinung

Glaube im Alltag zum 9. November

Glaube im Alltag : 9. November

An diesem Wochenende jährt sich die Reichspogromnacht zum 81. Mal. Für mich ist dieser Tag der Tag, an dem ich in jedem Jahr ganz besonders an all die Menschen denke, die nicht mehr da sind. Menschen, die in Konzentrationslagern ermordet worden sind, wegen ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihres Engagements, ihrer Sexualität und ihrer körperlichen und geistigen Einschränkungen.

Menschen, die im System nicht mitmachen wollten, die sich quergestellt haben, die ihre Meinung offen vertreten haben. Mehr als sechs Millionen Menschen, denen die Chance genommen wurde, ihr Leben zu leben. Ihre Träume zu verwirklichen. Eine Familie zu gründen. Ihre Kinder und Enkel aufwachsen zu sehen. Die Schule zu besuchen. Eine Ausbildung oder ein Studium zu absolvieren. Ein Haus zu bauen. Einen Baum zu pflanzen. Für sich und für andere da zu sein. Mehr als sechs Millionen unverwirklichte Leben, unverwirklichte Träume, unverwirklichte Hoffnungen.

Diese Menschen, sie fehlen mir, sie fehlen uns und unserer Gesellschaft bis heute. Sie haben eine Lücke hinterlassen, eine Lücke, die uns bis heute schmerzt, die uns bis heute schmerzen muss. Aber, sie haben Spuren hinterlassen, und sie haben uns einen Auftrag gegeben. Unser Auftrag ist es, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht. Nicht in unserem Land und nicht in anderen Ländern. Dafür zu sorgen, dass Menschen heute ihren Glauben, ihre Überzeugungen und ihre Sexualität ausleben können. Wir sollen, ja, wir müssen alles dafür tun, dass Menschen als Menschen willkommen sind, unabhängig von Herkunft und persönlichen Einschränkungen. Ich wünsche uns, dass wir alle aufmerksam und wachsam bleiben. Ich wünsche uns, dass wir den Mut haben, für unsere Gesellschaft und für unsere Werte einzutreten. Ich wünsche uns, dass bei uns Sympathie und Mitgefühl regieren und nicht Ausgrenzung, Hass und Gewalt. Gott hat uns Herz und Hirn, Gefühle und Verstand gegeben, damit wir sie benutzen.