1. Meinung

Glaube im Alltag

Glaube im Alltag

Schwarz und rostig ragt der Koloss zwischen den Sanddünen hervor. Eine Art Dampflokomotive, aber ohne Schienen.

Schon seit mehr als 100 Jahren steht das Ungetüm da herum, festgefahren - in der Wüste von Namibia, so 30 Kilometer vor Swakopmund. Martin Luther - so heißt das Gefährt im Volksmund. Denn, wie hat schon der große Reformator gesagt: Hier stehe ich - und kann nicht anders. Vor 491 Jahren hat Martin Luther diese Worte tatsächlich gesprochen. Auf dem Reichstag in Worms. Dort fand so eine Art Schauprozess gegen den Chef-Protestanten statt. Luther sollte seinen Lehren öffentlich abschwören. Um so der angedrohten Todesstrafe zu entgehen. Doch das kann und will der Reformator nicht. Ihm ist die Freiheit eines jeden Christenmenschen wichtiger als seine eigene. Luther lehnt den Widerruf ab. Er besteht darauf: Reformen sind notwendig. Damit die Kirche das eigentliche nicht aus den Augen verliert: Orientierung an Jesus Christus. Und so sagt er: Hier stehe ich - und kann nicht anders. Wenn ich mir das so überlege, ist das ja schon merkwürdig: Bei der Lok in Namibia - da steht dieser Satz für Stillstand und Unbeweglichkeit. Wie anders ist das doch beim echten Martin Luther. Da ist dieser Satz ein Signal für Beweglichkeit. Eine Aufforderung, endlich anzufangen mit den überfälligen Reformen. Damit der Glaube glaubwürdig bleibt. Mir gefällt dieser Luther. Sein Mut, einzustehen für das, was er als wichtig erkannt hat. Ich meine: Diese Beweglichkeit, die brauchen wir auch heute, nicht nur in unseren Kirchen. Stillstehende Lokomotiven wie die in Namibia - die gibt es schon genug. Also lieber loslegen wie Martin Luther damals. Auch wenn es Gegenwind gibt. Guido Hepke ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Trier.