1. Meinung

Glaube im Alltag

Glaube im Alltag

"Ich bin nicht Stiller." Das ist der erste Satz aus Max Frischs Roman "Stiller".

Das Buch wurde vor 60 Jahren veröffentlicht. In diesem Roman geht es um die Frage der Identität. Wer bin ich? Die Frage hat auch mich bewegt, als ich den Roman als Jugendlicher gelesen habe. In der Schule hatten wir "Andorra" von Frisch gelesen. Der Schweizer Schriftsteller und seine Werke haben mich tief beeindruckt. Vor ein paar Wochen habe ich das kürzlich erst veröffentlichte "Berliner Journal" von Frisch in den Händen gehalten und mich an seinen ersten großen Roman "Stiller" erinnert. In der Bibel gibt es einen wunderbaren Satz: "Gott spricht: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein". Diese Verse sind mir genauso in Erinnerung geblieben wie der Roman von Frisch. Und ich habe sie für mich verbunden mit der immer wieder spannenden Frage: Wer bin ich eigentlich? Die Summe meiner Leistungen? Die Note auf meinen Zeugnissen? Das, was ich erwirtschafte? An entscheidenden Stellen meines Lebens habe ich mir solche und andere Fragen oft gestellt. Klar geworden ist mir dabei, dass nicht meine Leistungen mich ausmachen, sondern dass ich wichtig für andere bin: für meine Familie, meine Eltern, meine Freunde. Ihnen liegt etwas an mir. Ich darf der sein, der ich bin. Und kein anderer. Dass Gott mir zuspricht: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein", das heißt für mich: Ich darf auch für Gott so sein, wie ich bin. Ich muss kein anderer sein. Er kennt meinen Namen. Der Vers aus dem zweiten Teil des Jesajabuchs ist im Übrigen mein Taufspruch. Deshalb hat er eine besondere Bedeutung für mich. Wenn in den nächsten Wochen viele Kinder und Jugendliche Kommunion und Konfirmation feiern, werden sie dabei an ihre Taufe erinnert. Auch ihnen gilt diese Zusage Gottes: Du bist wichtig. Ohne Leistungen und ohne Ansprüche. Und deshalb kann ich für mich sagen: Ich bin Jörg Weber. So, wie ich bin. Dr. Jörg Weber, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Trier