1. Meinung

Glaube im Alltag

Glaube im Alltag

Eine menschliche Figur ohne Arme und Beine. Ein Torso.

Grausam verstümmelt und entstellt. Ein Gesicht voller Schmerzen. Das ist alles, was übrig geblieben ist - von der Darstellung des Gekreuzigten. Nach den Bombenangriffen auf die Kirche in Echternach. 1945 stieß man beim Wegräumen der Trümmer auf dieses zerfetzte Holzkreuz. Und gab ihm einen neuen Platz in der wieder aufgebauten Willibrord-Basilika. Die zerstörte Christusfigur soll eine bleibende Erinnerung sein. An die furchtbare Zerstörung und vor allem an die wahnsinnige Vernichtung menschlichen Lebens durch Krieg, Gewalt und Terror ausgehen. Nicht nur im Zweiten Weltkrieg. Zugleich erinnert mich die Christusfigur an ein Gebet: Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen auf seine Seite zu bringen. Mir ist dieses Gebet wichtig. Denn es stellt mir die Frage: Wovon lasse ich mich leiten? Lasse ich mich leiten von dem, was Jesus vorgelebt hat? Versuche ich, dort weiter zu machen, wo er aufgehört hat, als er noch gelebt hat? Zugleich macht mir dieses Gebet Mut: Ich kann etwas tun. Gott traut uns Menschen zu, dass wir uns füreinander einsetzen - und für die, die Hilfe brauchen. Christus hat keine Hände, nur unsere Hände. Das Gebet aus dem vierten Jahrhundert und die Christusfigur in Echternach sind eine Mahnung zum Frieden. Und die ist wichtig. Nicht nur, wenn wir an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft erinnern. So wie das am Volkstrauertag morgen geschieht. Sondern an jedem Tag - wenn wir die Zeitung lesen, Nachrichten schauen und anderen Menschen begegnen. Was würde wohl Jesus tun? Pfarrer Guido Hepke, Evangelische Kirchengemeinde Trier