1. Meinung

Jörg Koch: Der Wunsch nach Eindeutigkeit

Glaube im Alltag : Der Wunsch nach Eindeutigkeit

Es sind wichtige Entscheidungen zu treffen: Impfen oder nicht impfen? Grün, schwarz, rot und rot, gelb oder blau? Die Lage zeigt sich unübersichtlich, ja verworren. Eindeutige Fakten, die eine verlässliche Grundlage für die persönliche Wahl bilden können?

Etwa nachzulesen beim RKI oder in einem der feinformulierten Wahlprogramme? Wer glaubt denn bitte an sowas? Das Problem daran ist nur, dass Menschen von Natur aus mehrdeutige, unklare, vage, widersprüchliche Situationen tendenziell meiden.

Menschen sind also eher ambiguitätsintolerant. Und das, obwohl es offensichtlich ist, dass eine Welt ohne Ambiguität, also Mehrdeutigkeit, nicht existiert. Religion besonders braucht diese Kunst, das Aushalten von Mehrdeutigkeit, denn ihr Glaube an etwas geht über das rational Begreifbare hinaus. Der Glaube an etwas, das anders, das größer ist, als wir. Und weil das so ist, ist es auch nicht restlos ausdeutbar. Gott überschreitet die menschliche Vorstellungskraft.

Fehlt diese Lebenskunst, tritt an ihre Stelle Gleichgültigkeit. Oder Fundamentalismus, der mit aller Gewalt versucht, eindeutige Verhältnisse herzustellen. Gut zu beobachten nicht nur mit Blick auf Religion. Es geht die These um, dass unsere Zeit besonders unter einem Mangel an Ambiguitätstoleranz leidet. Vielleicht. Einen Ausweg? Es wird wohl mehrere davon geben. Einen bietet Kierkegaard: „Ob etwas Wahrheit für Menschen werden kann, hängt davon ab, ob er es mit voller Leidenschaft als seine persönliche Wahrheit ergreifen kann.“ Das Ergreifen dieser vertreibt Gleichgültigkeit und bietet Fundamentalismus (frei)gelassen die Stirn.