1. Meinung

Klaus Bender, Dechant in Kyllburg, über den Heiligen Martin

Glaube im Alltag : Begegnung vor der Stadt 1990

Abgesagte Martinszüge 2020 – ich erinnere mich an den Martinssabend vor 30 Jahren. Als damaliger Jugendpfarrer hatte ich in Erdorf einige Filme als Bahnfracht aufgegeben. Beim Bezahlen geht es mit dem Münzgeld genau hin, 80 Mark in Scheinen sind noch im Geldbeutel.

Kurz vor Bitburg lasse ich eine junge Anhalterin zusteigen, aber in der Stadt geht es nicht weiter: Eine Musikkapelle, viele Menschen, Kinder mit Laternen. „Ist das eine Demo?“, fragt meine Begleiterin. Ich schaue sie überrascht an. Nun, sie kommt aus Sachsen-Anhalt – wie etliche Frauen aus dem Osten hat sie sich von einem Hotel als Aushilfskraft anwerben lassen. Den Heiligen Martin kennt sie nicht.

Also erzähle ich von dem jungen Mann, der im 4. Jahrhundert vor den Toren Amiens’ seinen Mantel mit einem Bettler teilte, wie ihm in der Nacht Christus mit der Mantelhälfte erschien und dass er dann Bischof von Tours wurde.

Beim Weiterfahren berichtet sie von ihrem Berufsalltag. Man scheint diese Arbeitskräfte auszubeuten: Wenig Lohn, aber ein dicker Abzug für Kost und Logis. „Ich würde gern mal nach Hause fahren“, sagt sie, „aber die Fahrkarte für 160 Mark kann ich mir nicht leisten.“ Mir schießen merkwürdige Gedanken durch den Kopf: 160, das ist zweimal 80. Nein, das ist kein Zufall!

Wir kommen an. Ich ziehe den Geldbeutel. „Das hier ist vom Heiligen Martin, die Hälfte der Fahrkarte!“ Sie reißt die Augen auf, kommt ins Stottern, dann lächelt sie, nimmt das Geld und verschwindet mit einem verlegenen Dankeswort in der Dunkelheit.

Ich fahre nach Hause, glücklich wie lange nicht mehr. Natürlich ist mir in der folgenden Nacht kein Christus mit einer halben Fahrkarte in der Hand erschienen. Aber ich weiß: Es gibt sie immer wieder, diese Begegnungen vor der Stadt, in Amiens, in Bitburg und anderswo.