Kolumne Glaube im Alltag vom 16. November 2019

Glaube im Alltag : Friedensaugenblick

Ich war gerade nach dem Studium frisch in der Gemeinde, als mein Mentor mich an einem Herbsttag losschickte, ein altes Ehepaar zu besuchen. Sie resolut wie eine Generälin, er schweigsam dahinter.

Genauso war das Kaffeetrinken, bis die Sahne fehlte und sie in die Küche aufsprang. Ich drehte mich zu ihm, er sah mich mit großen traurigen Augen an: „Ich kann das nur jetzt sagen, aber ich muss es sagen, weil es mich quält. Das Schlimmste im Leben war der Krieg. Ich verlor ja nicht nur Freunde, ich hatte als Panzerfahrer auch diese furchtbaren Befehle.“

Ich schaute ihn fragend an. „Wissen Sie was eindrehen ist?“ Ich schüttelte den Kopf. „Wenn wir die feindliche Stellung erreichten, unseren Panzer über die Schützengräben fuhren, hieß es danach: Eindrehen! Also den Panzer auf der Stelle drehen. Aber darunter waren doch noch Menschen, lebend, tot, ich weiß es nicht. Ich konnte sie nicht sehen. Ich suche bis heute Frieden, es treibt mich um.“

Wir haben geschwiegen, uns angesehen, seine Augen immer noch traurig, aber auch erleichtert, und ich sagte: „Jetzt sind Sie damit nicht mehr allein. Gott weiß es und ich auch.“ Er nickte. Die Tür flog auf – die Sahne war fertig, er wieder schweigsam. An dieses Erlebnis denke ich an jedem Volkstrauertag. Denn in den traurigen Augen war Frieden. Für einen Augenblick. Das, was im Krieg nicht ging, war jetzt möglich. Einen Moment auf das eigene Leben und das der anderen schauen. Das Aussprechen der eigenen Schuld und das Hoffen auf Vergebung, auf Frieden. Ich glaube, das brauchen wir immer noch, auch wenn mancher Krieg weit weg ist – diese sehnsüchtigen Augen, die beharrlich auf den Frieden blicken wollen – eben das Sahnehäubchen im Leben.


Pfarrerin Vanessa Kluge, Ehrang, vanessa.kluge@ekkt.net

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