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Religion
Türen zum Leben

Dr. Harald Müller- Baußmann, Morbach
Dr. Harald Müller- Baußmann, Morbach FOTO: Privat / TV

Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war
nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“
Mit diesen Sätzen endet Franz Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“. Und das Leben eines Mannes, der sich bis zu seinem Tod von einem Türhüter davon abhalten lässt, sich Eintritt in das Haus des Gesetzes zu verschaffen. Es ist eine Parabel für verschwendete Zeit und für vergeudetes Leben. Die Erzählung malt das Bild eines Menschen, der bis zu seinem Tod nicht erkennt, dass der Schlüssel zum Leben in ihm selbst ist. Er muss die Gunst der Stunde nur nutzen und sich Eintritt zum Leben verschaffen.
Es gibt Dinge, die nur wir selbst in die Hand nehmen können, die wir nicht delegieren, nicht teilen können. Wir können unser Leben nicht von anderen leben lassen. Für alles, was wir tun und auch nicht tun, tragen nur wir die Verantwortung, niemand sonst. Jesus mahnt uns an, wachsam zu sein. Mit wachen Augen durch das Leben zu gehen. Was wir heute erledigen können, nicht auf morgen zu verschieben. Wachsam sein für den Anruf Gottes in uns. Das heißt auch: Wir sollen uns unserer Fähigkeiten bewusst sein und sie auch einsetzen, zum Wohle anderer und für unser eigenes Selbstverständnis. Für die Achtung, die wir uns selbst entgegen bringen. Diese Eigenliebe ist Teil der Nächstenliebe und hat nichts zu tun mit Egoismus. Ohne den Blick für uns selbst, ohne Achtsamkeit für uns gibt es keine Achtsamkeit anderen gegenüber.
Jeder von uns hat seine eigene Tür zum Leben, die nur für uns geöffnet ist. Eine einmalige Gelegenheit. Und diese Tür wird nur für uns geöffnet. Ganz persönlich.


Dr. Harald Müller-Baußmann, Diakon, Morbach