1. Meinung

Von Paul Plehacz: Überleben mit- statt gegeneinander

Von Paul Plehacz : Überleben mit- statt gegeneinander

Masken, die in Asien zum normalen Straßenbild gehören, kommen uns immer noch fremd vor, obwohl sie uns gegenseitig, vor allem aber Risikogruppen, also Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen schützen sollen.

Es geht dabei auch um Werte wie Rücksichtnahme, Verbundenheit und Solidarität. Für manche wie z. B. den OB von Tübingen, der über Achtzigjährige  aus den Intensivstationen verbannen will, ist dies nicht mehr selbstverständlich; denn der Wert eines Menschenlebens wird von Kapazitätsproblemen und gesundheitlichen Faktoren abhängig gemacht. Dabei zeigt das simple Beispiel eines Geldscheins doch, dass er seinen Wert behält, auch wenn er alt, eingerissen und verschlissen ist. Um wie viel mehr müsste das für Menschen gelten! Die folgende indianische Realgeschichte, die im Norden Alaskas spielt, könnte einen Perspektivwechsel ermöglichen: Ein vom Hunger- und Kältetod bedrohter Stamm beschließt, mit allen noch gehfähigen Mitgliedern aufzubrechen, um neue Jagdgründe zu suchen. Die Alten und Kranken lässt man zurück, sie sollen geduldig auf ihr Ende warten. Auf sich allein gestellt, tun diese sich jedoch zusammen und werden aktiv. Sie erinnern sich wieder an längst vergessene Überlebenstechniken und gehen sogar auf die Jagd. Mit der Zeit gelingt es ihnen immer besser, kleinere Tiere und Fische zu fangen, dass sie sogar beachtliche Vorräte anlegen können. Ihr Hauptstamm hat jedoch kein Glück, ein kleiner Teil kehrt entmutigt und halb verhungert zurück. Einige der Zurückgelassenen protestieren dagegen, doch die Älteste überzeugt sie: „Wenn wir sterben, nehmen wir nichts von dem mit, was wir gehortet haben, aber alles, was wir gegeben haben.“ Biblisch kurz heißt das: Geben ist seliger denn Nehmen. Der kanadische Premier Trudeau brachte es bei der Geberkonferenz auf den Punkt: „Wenn ein Sturm kommt, wollen sich Menschen zusammen mit ihrer Familie und ihren Freunden wegducken, bis es vorbei ist. Aber wir können uns nicht isolieren. Wir können nicht hoffen, dass es anderen gut geht, während wir uns um uns selber kümmern. Wir müssen uns um uns selber kümmern und um den Rest der Welt.“