1. Meinung

Glaube im Alltag: Wölfe füttern

Glaube im Alltag : Wölfe füttern

Wahrheiten, die man besonders ungern hat, hat man besonders nötig. Eine dieser Wahrheiten ist, dass wir nicht so gut sind wie wir meinen. Die Entscheidung zwischen Gut und Böse ist auch bei unseren alltäglichen Entscheidungen stets aktuell.

Dabei spielen wechselnde oft widersprüchliche Gefühlszustände und auch unsere Konditionierungen und Bewertungsmuster eine entscheidende unbewusste Rolle. Wie können wir in solchen Situationen einen klaren Kopf behalten und die bestmögliche Entscheidung treffen.Die folgende indianische Wolfsgeschichte verdeutlicht diese „Gewissensnot“:

Ein alter weiser Indianerhäuptling sitzt am Lagerfeuer mit seinem Enkelsohn. Er schaut nachdenklich in die Flammen und spricht: „Das Flammenlicht und die Dunkelheit sind wie der weiße und der schwarze Wolf, die in unseren Herzen wohnen. Beide ringen und kämpfen seit ewigen Zeiten miteinander um die Vorherrschaft in uns. Der schwarze Wolf arbeitet mit Angst, Ärger, Sorgen, Schuld, Lügen, Unterdrückung, Arroganz, Neid und Hass. Er ist oft rachsüchtig, aggressiv und grausam, weil er für das pure Überleben in der Wildnis verantwortlich ist. Der weiße Wolf bringt Zuneigung, Vertrauen, Ehrlichkeit, Verständnis, Mitgefühl, Rücksicht, Dankbarkeit und Freude. Er ist liebevoll, sanft und mitfühlend, wenn er sich nicht bedroht fühlt.“ Nachdenklich schaut der Enkel in die züngelnden Flammen. Nach einer langen Weile fragt er „Und welcher der beiden wird gewinnen?“ Der alte Häuptling schaut ihn freundlich an und entgegnet: „Es gewinnt der Wolf, den du am häufigsten fütterst.“

Die Balance zwischen den beiden unterschiedlichen Polen macht die eigentliche Lebenskunst aus. Dazu gehört die Akzeptanz, das Annehmen aller Lebensausdrücke, zu denen auch das Zweifeln und Scheitern gehören.

Wir sollten es uns zur Gewohnheit machen, den weißen Wolf täglich zu füttern, indem wir bewusst uns selber, unserer Familie, unserer Gemeinde, auch unserem Staat etwas Gutes zukommen lassen anstatt gegen sie zu kämpfen. Freundlichkeit, Mitgefühl und Dankbarkeit meinen Mitmenschen und auch mir gegenüber kosten nichts. Marie von Ebner -Eschenbach drückt das so aus: „Überlege einmal, bevor du gibst, zweimal bevor du nimmst und tausendmal bevor du verlangst!“