1. Meinung

GLAUBE IM ALLTAG: Zu spät?

GLAUBE IM ALLTAG : Zu spät?

Du kommst zu spät: Ein Satz, den wohl jeder von uns schon einmal gehört oder selbst gesagt hat. Dabei geht es meist nicht um eine festgelegte Uhrzeit, sondern um den verpassten Zeitpunkt noch etwas tun, den Lauf der Dinge vielleicht noch ändern zu können.

In den letzten Tagen und Wochen begleitet uns die Frage nach „zu spät“ ständig. Wurde die Gefahr durch Corona zu spät erkannt? Zu spät wirksame Schutzmaßnahmen beschlossen? Zu spät Krisen- und Notfallpläne erarbeitet?
Auch im  privaten Umfeld kommt dieser Gedanke immer wieder. Eine Beziehung, eine Familie zerbricht, weil die Partner zu spät auf Bedürfnisse geachtet, zu spät Gemeinsamkeiten oder auch notwendige Veränderungen im Blick hatten. Ein Lebenstraum kann nicht mehr verwirklicht werden, weil eine schwere Krankheit das verhindert. Um klärende Worte zur Versöhnung auszusprechen ist es plötzlich zu spät, weil der Tod zu früh und unerwartet kam.
Auch in der Bibel machen Menschen die Erfahrung von „zu spät“. Das Johannesevangelium erzählt heute die Geschichte von den Geschwistern Marta, Maria und Lazarus. Als Lazarus schwer erkrankt, schicken die Schwestern Boten zu Jesus. Sie hoffen auf seine Hilfe. Schließlich hat er schon vielen Kranken geholfen. Als Jesus endlich kommt, ist es offensichtlich zu spät. Lazarus ist tot. Martas Haltung gegenüber Jesus beeindruckt mich. Trotz aller Enttäuschung und Trauer wendet sie sich nicht von Jesus ab, sondern sie bewahrt  sich ihr tiefes Vertrauen zu ihm und bekennt offen: „Ja Herr, ich glaube, dass du der Christus bist.“ Diese Worte lassen mich nachdenken über mein Leben, über Situationen, in denen ich Gott rufe, er möge eingreifen. Weil ich mir nicht vorstellen kann, wie es weitergehen soll, weil etwas Stabiles, was mir Halt gegeben hat, sich auflöst, mir aus den Händen gleitet oder sich ganz anders entwickelt als geplant.
Die Auferweckung des Lazarus zeigt, das Jesus in der Lage ist, die Vorstellungen und Erwartungen der Menschen, auch meine eigenen, zu sprengen und aus dem, was kaputt gegangen ist, was unfertig blieb, wo wir schon einen Schlusspunkt gesetzt haben, da kann er etwas Neues ins Leben rufen. Mir fällt plötzlich ein Satz ein, den ich vor einigen Jahren auf einem Aufkleber gelesen habe: Gott hilft – spätestens rechtzeitig.