1. Meinung

Gute Familie, schlechte Familie

Gute Familie, schlechte Familie

Von einer CDU-nahen Einrichtung wie der Konrad-Adenauer-Stiftung erwartet man gewöhnlich CDU-nahe Inhalte. Dass ausgerechnet diese Stiftung in einer Studie zur Familienpolitik mit der unionsgeführten Regierung hart ins Gericht geht und das Ende ideologischer Diskurse fordert, ist nur auf den ersten Blick eine Überraschung.

Die Wahrheit ist, dass es in Unionskreisen gar kein einheitliches Familienbild gibt. Da lassen sich zwar eine ganze Reihe von familienpolitischen Leistungen aufzählen, aber von ihnen geht kein richtungsweisendes Signal aus. Hier der einklagbare Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz, dort das Betreuungsgeld, das Eltern die Obhut der Kinder zu Hause ermöglichen soll. Gerade diese neueste von der CSU durchgeboxte familienpolitische Errungenschaft ist das beste Beispiel für die Elastizität von Bündnissen, in denen auch Minderheiten bedient werden müssen, damit sie sich bei anderen politischen Entscheidungen wohlfeil verhalten.

Ein Beispiel für die Stringenz von Familienpolitik ist es nicht. Wie keine andere Partei ringen CDU/CSU seit Jahren um verbindliche Wertvorgaben in Paar- und Familienbeziehungen, die den konservativen Flügel nicht verschrecken, gleichwohl gesellschaftliche Tatsachen nicht ausblenden sollen. Dabei spiegelt sich die breite Palette der tatsächlichen Familienentwürfe bereits in den Biografien der eigenen Politiker wider.

Prominente Beispiele für die Abweichung von (ehemaligen) Leitbildern in Paar- und Familienbeziehungen drängen sich auf: Bundeskanzlerin Angela Merkel, geschieden, wiederverheiratet, kinderlos. Ursula von der Leyen, siebenfache Mutter, seit vielen Jahren engagierte und ambitionierte Ministerin, CSU-Chef Horst Seehofer, zwei eheliche Kinder, ein uneheliches. Lebensläufe, die längst zur gesellschaftlichen Normalität gehören.

Der Studie zufolge - befragt wurden 5000 Menschen zwischen 20 und 39 Jahren - ist die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, aber auch die hergebrachte, an der Ehe orientierte Definition von Familie, Mutter, Vater, Kind(er), lediglich ein Modell von vielen. Für eine übergroße Mehrheit von fast 90 Prozent fallen auch homosexuelle oder Paare ohne Trauschein, Alleinerziehende und Patchworkgemeinschaften unter den Begriff Familie.

Und doch gibt es sie immer noch, diese offene oder unterschwellige Stigmatisierung von Beziehungsmustern. Hier die Hausfrau und Mutter - als Heimchen am Herd diffamiert - dort die berufstätigen Rabeneltern. Es hätte der Studie nicht bedurft, um herauszufinden, dass jeglicher ideologische Überbau, gleichgültig ob er nun aus dem konservativem oder dem linken Lager kommt, einen Spaltpilz in die Gesellschaft trägt und letztlich alle Familienmodelle infrage stellt. Wenn die Union ihren eigenen Slogan von der Wahlfreiheit ernst nimmt und nicht nur zu Propagandazwecken nutzt, dann braucht sie keine alten und keine neuen Leitbilder, sondern ein schlüssiges Konzept zur Begleitung real existierender Lebensbündnisse. Dies gilt im Übrigen auch für jede andere Partei.