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Hamburger Sie und Münchner Du

Salka Schwarz.
Salka Schwarz. FOTO: privat
Seit den 1990er-Jahren hat sich auch in Deutschland die Anrede mit Vornamen und „Sie“ durchgesetzt; das ist die deutsche Übersetzung für die im internationalen, angelsächsisch geprägten Kontext gebräuchliche Anrede. Diese Anredeform wird als Hamburger Sie bezeichnet. Salka Schwarz

In vielen Arbeitsteams mit angelsächsischer Prägung oder in multinationalen Unternehmen sprechen sich die Mitarbeiter über Hierarchien hinweg so an. Doch Vorsicht! Selbst wenn das Duzen zur Firmenphilosophie gehört, ist dies noch längst kein Zeichen für flache Hierarchien oder gar für einen generell freundschaftlichen Umgangston mit der Firmenleitung. Und es ist sogar weitaus tückischer, sämtliche Signale, die auf Hierarchien, auf Macht und somit Distanz hindeuten, richtig zu interpretieren. Es gilt also umso mehr, die hinter amerikanischer Lässigkeit verborgenen Hierarchien und Machtverhältnisse innerhalb eines Unternehmens aufmerksam wahrzunehmen.

Eine weitere Form des Hamburger Sie ist die distanzierte, einseitige Anrede mit Vorname und Sie, die früher nur dem Dienstpersonal galt. Heute sollten Angestellte im privaten Haushalt allerdings als Dienstleister behandelt werden, und das sollte sich in der gleichberechtigten Form der Anrede niederschlagen.

Die einseitige Form des Hamburger Sie benutzen heute auch Gymnasiallehrer gegenüber Abiturienten, Eltern gegenüber den erwachsen gewordenen Freunden ihrer Kinder, Kunden gegenüber Mitarbeitern beim Friseur - häufig allerdings, ohne um Erlaubnis zu bitten.

Eine Anrede-Alternative ist das sogenannte Münchner Du. Diese Form mit Du und Nachname ( Frau Müller, kommst du mal her?) hört man nicht mehr nur auf dem Viktualienmarkt in München, sondern mittlerweile im ganzen Land - vor allem unter Mitarbeitern in Kaufhäusern und Supermärkten.

Aus Salka Schwarz: "Renaissance der Höflichkeit. Fragen zur Etikette im 21. Jahrhundert".