Hierarchien

Täglich sind wir Hierarchien ausgesetzt: in der Familie (hoffentlich nur bedingt), im Beruf (ja, leider), in der Politik (wirklich?) und beim Sport. Für die TBB-Zuschauer ist die Hierarchie innerhalb der Mannschaft offensichtlich und lässt sich recht simpel an Spielzeit und Verantwortung auf dem Feld ablesen.

Während Spielzeit ein statistisch begründeter Wert ist, lässt sich letzteres am individuellen Ballbesitz vor allem in der "Crunchtime", d.h. in den spielentscheidenden Phasen festmachen. Ein für die Basketballanhänger verborgenes Merkmal von Team-Hierarchie ist die Sitzordnung im Mannschaftsbus.
Zu meiner aktiven Zeit stieg die hierarchische Ordnung der Spieler vom vorderen bis zum hinteren Teil des Busses an: Ganz vorne, d.h. hinter dem Busfahrer, saßen die beiden Trainer, die ich bei der Darstellung der "Hackordnung" außen vor lassen möchte. Gleich dahinter mussten sich die "Rookies", die neuen Spieler, die "Frischlinge" platzieren. Zu ihnen gesellten sich ab und an amerikanische Spieler, die entweder ihre Ruhe vor dem tobenden Mob im hinteren Busareal haben wollten, um sich den Klängen ihrer favorisierten Musik hinzugeben, oder eben kein Interesse an sozialer Pflege hatten und ihren Eigenbrötlerstatus genossen. Ferner tummelten sich in dieser eher ruhigen Sektion noch die "Nerds", die Studenten unter den Profis, die sich gezwungenermaßen ihren Lektüren und Fachbüchern widmen mussten. Im Profisport eine selten vertretene Spezies.
Dieser vordere, verpönte Teil wurde durch die hintere Tür (und die Toilette) vom hippen Trakt des Busses abgetrennt. Hier saßen dann auch fein säuberlich geordnet die etablierten Spieler (gleich hinter dem Treppenaufgang), knapp dahinter die coolen Jungs und die letzten beiden Reihen wurden von den unantastbaren Leitwölfen des Teams besetzt. Der Thron, sprich die Rückbank, war dem Mannschaftskapitän vorbehalten und musste auch als uneinnehmbares, fast heilig anmutendes Refugium verstanden werden. Während sich die "Narren" im vorderen Teil mit einem Doppelsitz begnügen mussten, durfte sich der "Basketball-Adel" weiter hinten auf einer ganzen Stuhlreihe ausbreiten.
Ich habe es in meiner sechsjährigen Zugehörigkeit doch tatsächlich bis hinter den Treppenaufgang in die "aristokratische Abteilung" geschafft. Spannend wäre ein Blick in den Mannschaftsbus der Rödl-Truppe….
Helge Patzak