Katharina staunt: Alles außer Nasenküssen

Katharina staunt: Alles außer Nasenküssen

Mein holländischer Freund findet uns Deutsche verwirrend. In den Niederlanden gibt er einem Mann zur Begrüßung die Hand und einer Frau drei Küsschen. „Kannst du mir bitte mal erklären, wie zur Hölle man sich in Deutschland begrüßt?“, hat er mich neulich gefragt. Na klar. Null problemo!

Also gute Freunde und Familienmitglieder werden herzhaft gedrückt. Es sei denn, sie wollen lieber Küsschen. Ich gebe immer nur zwei, auch wenn viele drei wollen, und fange mit der linken Backe an, auch wenn manche das lieber anders hätten und wir uns dann aus Versehen auf den Mund küssen. Was unter Teenagern übrigens ohnehin angesagt ist und bei guten Freunden ja nicht weiter schlimm. Dummerweise wollen inzwischen auch entfernte Bekannte Küsschen haben. Die kriegen sie dann auch. Manchmal gibt es noch eine Hand dazu, was aber nur deshalb passiert, weil die blöden Bussis nicht geplant waren.
Wenn ich in lockerer Atmosphäre zu größeren Gruppen hinzustoße, rufe ich "Hallihallo" und winke fröhlich in die Runde. Damit habe ich jedoch neulich bei einem Treffen auf dem Trierer Weihnachtsmarkt für Ärger gesorgt, weil sich einer der Angewinkten nicht persönlich genug begrüßt fühlte. Also habe ich ihm zur Wiedergutmachung italienische Liebkosungen murmelnd die Wange gestreichelt - was eher unüblich ist, aber gut ankam.

Sehr schön und einfach sind berufliche Kontakte. Da sage ich höflich "Guten Tag" und gebe die Hand, immer und jedem, der das möchte. Inzwischen schüttele ich auch privat Hände.

Das ganze Geschüttel kostete mich anfangs allerdings große Überwindung. Wahrscheinlich, weil ich in meiner Jugend gelernt hatte, dass man sich maximal möglichst cool "Hi" sagt. Oder zunickt. Und auf gar keinen Fall irgendetwas schüttelt. Das war megaspießig.

In der Zwischenzeit haben die Jugendlichen sich weniger minimalistische Jo-Alter-, Schulterhau-, High-Five- und Knöchelbox-Begrüßungen einfallen lassen, um nicht spießig zu sein. Aber dazu müsste mein Freund jemand anderen befragen. Ich schüttele. Ich bin nicht mehr cool.

Stattdessen verweise ich auf die Benimmexpertin Salka Schwarz, die darauf hinweist, dass die Hände während einer Begrüßung keinesfalls in der Hosentasche stecken sollten, und ich rate dazu, sie währenddessen auch sonst nirgendwo hinzustecken.

Kurz: Ist doch easy, mein Liebster! In Deutschland geht alles außer Nasenküssen. Na gut. Für dich würde ich selbst da 'ne Ausnahme machen. Katharina Hammermann

Deutschland steckt voller Rätsel. Meist merkt man es gar nicht, weil man es nicht anders kennt. Man zapft blasenfrei, ohne sich zu fragen, was das soll. Man geht zum Arzt und wartet brav, obwohl man doch einen Termin hatte. Und wer kauft nur all diese Kittelschürzen? "Katharina staunt" - die Kolumne unserer Chefreporterin Katharina Hammermann.