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Keanes Kulleraugen und Beuys‘ Linien

UNTERM STRICH – DIE KULTURWOCHE : Keanes Kulleraugen und Beuys‘ Linien

Mein Zahnarzt hat keine wertvollen Gemälde im Wartezimmer hängen, um die vor Bohrer und Spritze angstbibbernden Patienten zu beruhigen. So bleibt ihm erspart, was einem Kollegen vor mehr als einem halben Jahrhundert auf Hawaii passiert ist: Ihm wurde ein Bild geklaut.

Gemalt hat es Margaret D. H. Keane, Jahrgang 1927, die mit der Darstellung von Frauen, Kindern und Tieren mit großen Augen bekannt geworden ist. Noch bekannter wurde sie ab den 1960er-Jahren, weil ihr Mann Walter Keane behauptete, er habe in Wirklichkeit diese Bilder gemalt. Woraufhin die Gattin ihm den Laufpass gab und von San Francisco nach Hawaii zog.

Das ist zwar eine andere Geschichte, aber zumindest schließt sich hier der Kreis zum eingangs geschilderten Geschehen. Das Bild war futsch (ob es die Rache eines Patienten war, dem ohne Betäubung ein Zahn aufgebohrt wurde, ist bis heute nicht bekannt). Und jetzt ist es wieder da: Im Dezember 2020 versteigerte das Auktionshaus Heritage Auctions in Dallas das Gemälde, das eine Familie unterdessen bei einer Galerie in New Jersey gekauft hatte.

Als sich kurz danach aber herausstellte, dass das Bild geklaut worden war, gab der Versteigerer das Werk den ursprünglichen Besitzern aus Hawaii zurück – darunter eine Frau, die von der Künstlerin als damals siebenjähriges Mädchen als Model für eines der Kinder auf dem Bild eingesetzt worden war.

Familienbilder anderer Art zeigt derzeit das  Dresdner Kupferstich-Kabinett – und zwar solche von Joseph Beuys (1921 – 1986).  Die Schau „Linie zu Linie, Blatt um Blatt“ (bis 17. Oktober) gibt mit 90 noch nie ausgestellten grafischen Werken erstmals einen Einblick in den in der Familie bewahrten Fundus von Beuys-Zeichnungen, die teils auch für sie entstanden. Möglich wurde das laut Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dank des Vertrauens der Witwe und Kinder, die alles an der Ausstellung „Rembrandts Strich“ des Dresdner Kabinetts von 2019 faszinierte, vor allem der Umgang mit der Linie. Deren Bedeutung für das Blatt zeige sich auch in den ausgestellten Beuys-Werken. Zu sehen sind Collagen von Pflanzenbildern, frühe Tierstudien oder die Bergzeichnungen. Auch Skizzen auf Schokoladenpapier oder Hotel-Notizzetteln, Studien von Hasen oder einer Robbe sind zu sehen, ebenso wie das zweiteilige Multiples „Luftpost“, das 1971 erste in den Dresdner Bestand gelangte Werk von Beuys, und sein letztes Tagebuch von 1985. Ihnen haben die Kuratoren Werke herausragender Altmeister wie Martin Schongauer, Albrecht Dürer, Jan van Goyen oder Rembrandt van Rijn aus dem Bestand des Dresdner Kabinetts gegenübergestellt, „die ihm gefallen haben könnten“, sagte die Direktorin des Kupferstich-Kabinetts, Stephanie Buck. no/dpa