1. Meinung

Keine Reserve an Arbeitskräften

Keine Reserve an Arbeitskräften

Wer sich die Kommentare zum Arbeitsmarkt anschaut, wird sich kaum des Eindrucks erwehren können, Deutschland stecke in einer tiefen Krise. Vom stockenden Aufschwung am Arbeitsmarkt ist die Rede und von einer Konjunkturdelle, die dazu führen wird, dass die Arbeitslosigkeit wieder zunehmen könnte.

Doch warum wird geklagt? Die Arbeitslosigkeit ist erneut zurückgegangen auf bundesweit 6,6 Prozent, liegt niedriger als in den Monaten zuvor und auch als im Vorjahr. Nun ja, sie ist weniger stark gesunken als von einigen erwartet. Die Trierer Arbeitsagentur spricht hier von der "sommerlichen Trägheit des Marktes". Doch hört sich das deutsche Klagen wie ein Sturm im Wasserglas an. In Spanien kämpft man immerhin gegen 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, bei uns in der Region Trier sind es 3,3 Prozent. Selbst in Luxemburg steigt die Zahl der Menschen ohne Job: auf aktuell bundesdeutsche Werte. Ja, es stimmt: Hinter dem trägen Arbeitsmarkt stecken saisonale Effekte und konjunkturelle Unsicherheiten aus der Euro-Schuldenkrise. Dahinter stecken aber auch demografische Gründe und ein leer gefischtes Reservoir an Reserve-Kräften. Heißt: Aus dem Bestand an Menschen ohne Job - und hier ist zweifelsohne jeder Arbeitslose einer zu viel - ist kaum noch jemand in Arbeit zu bringen. Was dabei nicht vernachlässigt werden darf: Es geht der Wirtschaft gut. In den vergangenen zwölf Monaten wurden bundesweit 666 000 Menschen zusätzlich sozialversicherungspflichtig eingestellt - in allen Branchen und Bundesländern. Warum? Einerseits sind Mütter, Studenten und Rentner aus der "stillen Reserve" berufstätig geworden, arbeitslose Griechen und Portugiesen decken zusätzlich den deutschen Fachkräftebedarf. Andererseits ist der Auftragseingang der Betriebe gut, und die Leute lassen sich beim Konsum nicht irritieren. Gut so. Bedenkenträger gibt es in Politik und Wirtschaft schon zur Genüge. s.schwadorf@volksfreund.de