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Die Woche im Blick
Die Macht der Bilder

FOTO: TV / Friedemann Vetter
60 Menschen starben in dieser Woche an der israelischen Grenze – eine Lösung im Nahostkonflikt ist in weiter Ferne. Der Kampf um die Deutungshoheit läuft nicht nur vor Ort. Von Thomas Roth

Heute morgen, ein Blick auf meinen Facebook-Newsfeed, die Seite, auf der das soziale Netzwerk Nachrichten, Fotos und Videos meiner Freunde anzeigt – wobei die Bezeichnung Freunde unpassend ist, meist sind es Bekannte, teils engere, teils um drei oder noch mehr Ecken. Zwei Videos erscheinen untereinander: Beide zeigen den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Beide zeigen Soldaten und ein Kind. Und doch könnten sie in ihrer Aussage und vor allem in ihrer beabsichtigten Wirkung kaum unterschiedlicher sein.

Bei einem hält ein Soldat einen kleinen Jungen fest. Der Text dazu sagt, dass er ihn festnehmen will – und nur die Familie ihn befreien konnte. Beim anderen geht ein palästinensischer Junge etwa gleichen Alters auf die Soldaten zu, im Hintergrund schreit sein Vater, die Soldaten sollten ihn doch erschießen, und er solle mit Steinen auf sie werfen. Der Junge stattdessen schwenkt zwar seine Fahne, bleibt aber ruhig, klatscht sogar mit dem Israeli in Uniform ab.

Nach jedem dieser Videos soll deutlich sein, wer in diesem Konflikt der Gute, wer der Böse ist. Entsprechend sind die Kommentare bei Facebook dazu. Die einen werfen den Israelis einen Genozid an den Palästinensern vor, die anderen weisen darauf hin, dass Israel sich verteidigen müsse und die Palästinenser ihre Opfer-Rolle missbrauchten und inszenierten. Es zeigt, wie einfach, aber auch gefährlich es ist, schnell zu urteilen. Es zeigt die Macht der Bilder. Es zeigt, dass Zweifel gerade bei Aufnahmen aus Kriegen und Konfliktregionen angebracht sind. Denn fast immer stammen die Videos von Quellen, die selbst auf einer Seite stehen, von Soldaten und politischen Gruppen – die oben genannten verbreiten derzeit Aktivisten beider Seiten.

In dieser Woche hat es in Israel allen Grund zum Feiern gegeben. 70 Jahre gibt es den Staat. Israel ist die einzige Demokratie dieser Region, mit allen Mängeln. Israel ist eine Nation, die sich von Beginn an gegen seine Feinde wehren musste. Eine Nation im Dauer-Kriegszustand, mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. Und, das zeigen nicht nur Bilder, sondern auch die Worte etwa der Hamas-Führung: Israel ist eine Nation, die andere auslöschen wollen. Israel ist ein Land, das unsere Solidarität verdient, nicht nur aus historischer Verantwortung.

Und dennoch gab es in dieser Woche auch Grund zur Trauer – um 60 Tote an der Grenze. Ja, diese Auseinandersetzung war abzusehen. Die Israelis hatten angekündigt, scharf vorzugehen. Und, das zeigen Videos, deren Echtheit bisher nicht angezweifelt worden ist: Die Palästinenser an der Grenze, zumindest viele, wollten den Zaun niederreißen, sie warfen Steine und Brandsätze. Von einem friedlichen Protest oder auch nur einer kleinen Gruppe Randalierer zu sprechen, verbietet sich. Und doch ist Trauer angebracht. Gerade, weil Extremisten Kinder und Frauen mit zu den Protesten nahmen, es in Kauf nahmen, dass sie verletzt oder getötet wurden. Und, weil der Konflikt angeheizt worden ist. Etwa durch die Verlegung der US-Botschaft. Diese war zugegeben 1995 beschlossen worden. Sie aber jetzt in Jerusalem zu eröffnen, sorgte noch einmal dafür, dass die Scharfmacher beider Seiten Öl ins Feuer gießen konnten.

So gab es die erwartbaren Bilder. Es bleibt die Erkenntnis, dass zurzeit im Nahostkonflikt eine Lösung, nicht einmal eine Annäherung überhaupt denkbar ist. Und dass eine Aussage wie die des früheren israelischen Generals und Politikers Mosche Dajan um so stärker in den Blick rücken sollte: „Wenn du Frieden willst, redest du nicht mit deinen Freunden. Du redest mit deinen Feinden.“

t.roth@volksfreund.de

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