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Leitartikel : Wer A sagt, muss auch B sagen

Darüber haben sich wohl schon viele geärgert: Für einen Termin beim Arzt findet sich wegen des eigenen Jobs in der Woche oft keine Zeit. Und so weichen nicht wenige auf die Notfallaufnahmen in den Kliniken am Sonnabend oder Sonntag aus.

Auch wenn die  Wartezeiten dort mitunter eine Menge Geduld abverlangen und ihr konkreter Fall kein Notfall ist, sondern häufig eher harmloser Natur. Das Nachsehen haben dann jene, die wirklich dringend eine Behandlung benötigen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn plant deshalb jetzt eine Mega-Reform, für die sogar eine Änderung des Grundgesetzes notwendig ist. Aber bis Bund und Länder hier wirklich unter einen Hut kommen, kann es noch Jahre dauern.

Dabei könnte man das Problem auch noch auf andere Weise angehen. Und ein Erfolg lässt dabei womöglich weniger lange auf sich warten. Über die Anzahl der Sprechstunden bei den niedergelassenen Medizinern ist immer wieder kontrovers diskutiert worden. Das seien viel zu wenige, lautet ein gängiger Vorwurf der gesetzlichen Krankenkassen. Die Kassen selbst haben jedoch in einer Untersuchung herausgefunden, dass die Praxen im Schnitt 29 Stunden pro Woche für ihre Patienten geöffnet haben. Das heißt, die allermeisten  Ärzte arbeiten jetzt schon länger, als es ihnen der Bundesgesundheitsminister demnächst per Gesetz verordnen will. Insofern dürfte sich die Wirkung des Vorhabens auch in Grenzen halten.

In Wirklichkeit hakt es wohl mehr daran, dass die Öffnungszeiten insgesamt wenig arbeitnehmerfreundlich sind, dass sie einfach schlecht verteilt sind. Der gleichen Kassen-Untersuchung zufolge hat nämlich nur etwa jede zweite Praxis in der Woche nach 18 Uhr geöffnet und nach 19 Uhr nur noch etwa jede zehnte. Am Sonnabend herrscht fast gänzlich Ebbe. Hier ist nur etwa jeder 50. niedergelassene Mediziner für seine Patienten da.

Verständlich, dass die Kassen im Interesse ihrer Versicherten die Ärzteschaft mahnen, stärker in den „Randzeiten“ aktiv zu werden. Dass die Notaufnahmen in den Kliniken gerade am Wochenende ein großer Kostenfaktor sind, spielt dabei natürlich ebenfalls eine Rolle. Am Arbeitsumfang muss sich deshalb nichts ändern. Eine Praxis, die am Wochenende Sprechstunden anbietet,  könnte dann eben an einem Wochentag  geschlossen bleiben.

Wer A sagt, muss allerdings auch B sagen. Das heißt für die Kassen, auch eine höhere Honorierung für besonders späte Öffnungszeiten oder Wochenendarbeit in den Praxen zu akzeptieren. Apotheker bekommen schließlich auch Zuschläge für ihre nächtlichen Bereitschaftsdienste.

Anstatt sich wechselseitig mit Vorwürfen zu überziehen, sollten sich Kassen- und Ärztevertreter an einen Tisch setzen und das Problem lösen. Andernfalls muss der Gesetzgeber noch einmal ran.


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