1. Meinung

Aufatmen erlaubt

Aufatmen erlaubt

Am Ende ist der Sieg Barack Obamas durch das viel diskutierte Wahlmänner-System deutlicher ausgefallen, als es selbst Optimisten im Lager der Demokraten erwartet hatten. Dabei hat der US-Präsident seine Wiederwahl nicht unbedingt der eigenen Stärke, sondern auch der teilweise eklatanten Schwächen seines Herausforderers zu verdanken.

Mitt Romneys Kampagne litt von Beginn des Vorwahlprozesses an darunter, dass ihm ein Teil der erzkonservativen Basis misstraute und dann die Bedenken nur dem großen Ziel unterordnete, das nicht erreicht wurde: Obama vier weitere Jahre zu verweigern. Das zwang Obamas Herausforderer nicht nur zu bizarren ideologischen Verrenkungen, sondern führte auch zu einem Begeisterungsdefizit, aus dem sich Romney erst nach der ersten Fernsehdebatte befreien konnte - allerdings auch auf Kosten seiner politischen Glaubwürdigkeit, denn viele seiner Positionen blieben bis zuletzt unscharf.
Dann kam auch noch Hurrikan Sandy und wertete Barack Obama als Krisenmananger auf.
Und der Schlüsselstaat Ohio? Dort begrüßten 59 Prozent der Wähler Obamas staatliche Hilfsmaßnahmen für die US-Autobauer - ein Thema, das Romney Zehntausende Stimmen hier und auch in Michigan kostete. Das relativ klare Wahlergebnis - Obama gewann 50 Prozent mehr Wahlmänner als Romney - ist aber auch ein Beleg dafür, dass die US-Bürger in Zeichen wirtschaftlicher Schwierigkeiten keine Experimente mögen. Deshalb zahlte sich Obamas gebetsmühlenhaft vorgetragene Versicherung an Amerikas Mittelklasse aus, er werde weiter ihr Fürsprecher sein. Eine Zusage, die Resonanz fand. Denn die amerikanische Wirtschaft findet gerade erst auf den Weg des Wachstums zurück. Risiken sind hier ebenso unerwünscht wie in der Frage, wie Amerikas Außen- und Sicherheitspolitik künftig aussehen wird.
Auch nach der Wiederwahl des Demokraten spricht zunächst wenig dafür, dass sich der beklagenswerte Stillstand in Washington und die Polarisierung der politischen Lager beseitigen lassen. Die Republikaner behalten die Kontrolle über das Repräsentantenhaus, und der Verdruss über die Wiederwahl Obama dürfte bei ihnen noch lange nachwirken und die Kooperationsbereitschaft beeinflussen. Viel Spielraum bleibt Obama also zunächst nicht.
Aufatmen können aber die Europäer und Weltmächte wie Russland und China. Mitt Romney wird keine Gelegenheit haben, die von ihm im Vorwahlkampf angekündigte Politik der stärkeren Konfrontation anzuwenden. Die Krisen dieser Welt sind zwar mit dem Wahlausgang in den USA nicht verschwunden - doch bei ihrer Lösung dürfte das Weiße Haus unter Barack Obama künftig weiter auf Diplomatie und weniger auf Säbelrasseln als Mittel der Wahl setzen. Und das ist auch aus deutscher Sicht beruhigend.
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