1. Meinung

Bildung am Fließband

Bildung am Fließband

Es mag ja sein, dass manch idealisierender Rückblick die Studienbedingungen von einst zu sehr durch die Brille der Nostalgie betrachtet. Auch vor 20 oder 30 Jahren war das Studieren keine Aneinanderreihung von Semesterferien mit gelegentlicher Unterbrechung durch - bevorzugt nachmittägliche - Vorlesungs-Phasen.

Und wenn es Freiräume gab, dann wurden sie keineswegs vorrangig für gesellschaftliches Engagement, kulturelle Aktivitäten und ein allgemeinbildendes "studium generale" genutzt. Wer also heute über Studien-Stress, Schmalspur-Ausbildung, Fachidiotie und mangelnden Blick über den Tellerrand jammert, muss die Ursachenforschung schon etwas breiter anlegen als bei Bachelor und Master.

Und trotzdem: Tauschen möchte man mit den Schülern und Studenten von heute nicht. In zwölf Jahren zum Turbo-Abitur gejagt, anschließend in sechs Semestern zum Bachelor gedrillt, tunlichst irgendwo ein paar Praktika und Auslands-Aufenthalte eingeschoben, werden sie mit 22 auf einen Arbeitsmarkt geworfen, der vieles verlangt, aber als Gegenleistung oft nur Praktikanten-Status anbietet. Da stimmen Aufwand und Ertrag nicht mehr. Vor allem in Deutschland nicht, wo man neue Abschlüsse wie das G-12-Abi und den Bachelor gerne überfrachtet, indem man den Stoff der alten, längeren Ausbildungsgänge einfach in die neuen Lehrpläne hineinquetscht. Statt, wie in anderen Ländern, zu akzeptieren, dass es sich um "Light"-Abschlüsse handelt, die auf dem Arbeitsmarkt eine völlig andere Rolle erfüllen als das klassische "Diplom".

Fatal ist, dass solche Entwicklungen die im reichen Deutschland ohnehin skandalöse soziale Ausgrenzung an den Hochschulen noch verstärken. Wem solvente Eltern Studium, Auto und Urlaub finanzieren, der kann sich auch in hochverdichteten Studiengängen darauf konzentrieren, gute Abschlüsse hinzulegen. Wer als Abkömmling weniger privilegierter Familien weiß, dass es ohne Nebenjobs nicht geht, wird sich drei Mal überlegen, ob er sich auf das Abenteuer Studium einlässt.

So verschwendet man gesellschaftliche Ressourcen. Wie auch bei denen, die ein bisschen langsamer sind, etwas länger brauchen, sich erst finden müssen, mal nach links und rechts schauen. Die sind nicht mehr vorgesehen. Fertigteil-Fabrikation duldet keine Unikate. Fragt sich nur, wie viele im Berufsleben hocherfolgreiche Leute unter den heutigen Fließband-Bedingungen die Uni-Tretmühle niemals gepackt hätten.

d.lintz@volksfreund.de